Sonntagmorgen. Naja. Inzwischen ist es 13.14 Uhr. Ein Tag ohne Pläne. Ideen und Vorhaben schweben mal ansatzweise euphorisch, dann wieder pflichtfürchtend durch meinen Geist. Ich könnte malen und schreiben. Und ich möchte mein Bücherregal neu ordnen. Aus meinen ganzen Büchern – auch aus denen, die sich den Wänden entlang auf dem Boden stapeln –, diejenigen heraussuchen, die ich noch nicht oder nur zur Hälfte gelesen habe. Ich will sie nach Sachbüchern und Romanen sortieren. Die über Kunst und über das Schreiben schön gruppiert irgendwo in Schreibtisch- und Staffeleinähe aufstellen.
Nun sitze ich hier und schreibe. Drei Stunden sind bereits vergangen seitdem ich mich aus dem Bett hochraffte, um Kaffee zu machen. Eine – inzwischen bereits (halb?) verworfene – Gedichtidee gab den Antrieb. Was lässt andere Menschen aufstehen, wenn sie keine Pläne haben? Die Verdauung? Hunger? Gewohnheit?
Ich ging in die Küche, füllte Wasser in den Wasserkocher und erinnerte mich, dass die Wohnzimmerpflanze vielleicht auch ein wenig davon gebrauchen könnte. Frida miaute neben mir auf dem Boden, ihre süßen blauen Augen zu mir hochgerichtet. Sie liebt es, fließendes Wasser zu trinken, und so goss ich, nachdem die Pflanze versorgt war, einen langsamen Strahl in ihren Napf, den sie auf der Hälfte mit ihrer Zunge auffing. Ich liebe ihr Schmatzgeräusch dabei.
Während das Wasser kochte, hing ich die Wäsche vom Vortag ab, verstaute den Wäscheständer, putzte Zähne, duschte kurz kalt, um mich abzukühlen, und zog mir einen leichten, langen Rock und ein ärmelloses T-Shirt über. Mit nassen Haaren, Kaffee und Honigmelonenstückchen setzte ich mich auf meinen Balkon. Er ist eng. Ich passe da nur halbwegs bequem drauf, weil ich so schmal bin. Ich liebe den ersten Schluck Kaffee. Die heiße Tasse in meinen Handflächen. Es ist ein Ritual, das mir Geborgenheit vermittelt. Und Freiheit zugleich, wenn ich es im Freien zelebrieren kann. Ich beobachtete die wenigen Passanten unten auf der Straße, blickte in den milchgrauen, stickigen Himmel, an dem ab und an eine Möwe ihre Bahnen zog.
Ich schrieb meine drei Morgenseiten, was mich immer wieder Überwindung kostet, aber im Nachgang doch eine gewisse Erleichterung im Geist bewirkt. Dann las ich bei einer zweiten Tasse Kaffee weiter in Charles Bukowskis „Post Office“ und landete fast ohne Anstrengung hier am Schreibtisch vor dem leeren Word-Dokument und begann zu schreiben.
Ich wusste nicht, worüber ich schreiben sollte. Was mir am relevantesten erscheint, ist zu persönlich und würde meine Mitmenschen exponieren. Habe ich das bisher nicht auch immer schon getan? Oder gehen meine neuen Erkenntnisse tiefer, zu sehr in die Intimität, derer ich mir damals selbst noch nicht einmal bewusst war, in den vergangenen Beziehungen und Freundschaften?
Die privatesten Geheimnisse oder Tabus – so meine neuesten Erkenntnisse der letzten Jahre – sind zugleich die allgemeingültigsten. Wenn ich etwas sehr persönliches erzähle –, was mir sehr leicht fällt, ja, was meiner Natur entspricht, es fällt mir schwer, nicht alles zu erzählen und zu filtern, was gesagt werden darf, sollte oder was lieber nicht, um andere nicht bloßzustellen, da sie es nicht mögen, so viel von sich preiszugeben – atmen meine Zuhörer oft auf und gestehen erleichtert, dass es ihnen ähnlich geht.
Nun weiß ich also nicht, wie ich diesen Blog weiterschreiben soll, ohne auf das Mitteilen persönlichster Erfahrungen zu verzichten und zugleich keine anderen Menschen einzubeziehen oder so über sie zu schreiben, dass niemand weiß, von dem ich schreibe. Wie hat Carry Bradschaw bei Sex & The City das gemacht?
Jetzt sind zweiundzwanzig Minuten vergangen, seitdem ich angefangen habe, zu schreiben. Und es liegt noch ein ganzer Tag vor mir wie ein unbeschriebenes Blatt. Ich kann mich treiben lassen. Bin dankbar für diese Erfahrung, die ich lange nicht hatte. Ich vermied es fast, ungeplante Tage zu haben. Es gibt Sicherheit, etwas vorzuhaben. Mein Blick hebt sich vom Bildschirm, ich starre aus der offenen Balkontür schräg gegenüber des Schreibtischs auf den hellblauen Klappstuhl und die Pflanzen. Daneben der rote Stuhl mit Bukowkis „Post Office“ auf der gepolsterten Sitzfläche, der noch vor der Balkontür steht.
Ab und zu ein Zwitschern von draußen. Taubenrufe. Ruhe.
Der Blick geht zurück zum Bildschirm. Der Cursor blinkt geduldig und wartet auf die nächsten Worte.
Was bedeutet Leben? Verpassen wir nicht mehr, wenn wir immer Pläne haben und von einem Termin zum nächsten übergehen? Verpassen wir dann nicht diese Begegnung mit uns selbst?
Es sind keine neuen Erkenntnisse. Ich habe sie hier in all den Jahren immer wieder in der ein oder anderen Form aufgeschrieben, als kämen sie mir zum ersten Mal in den Sinn. Wir vergessen so schnell. Und wer sind jetzt schon wieder wir? Wie schnell schließe ich von mir auf andere? Was ja nicht ganz unberechtigt ist in Anbetracht der Erkenntnis, wie allgemeingültig die persönlichsten Erfahrungen sind.
Gleichzeitig ist es doch für jeden ein individueller Prozess, diese Erkenntnisse für sich selbst zu sammeln, weshalb ich nicht mehr in das vage Wir übergehen möchte. Und aus Gewohnheit heraus passiert es dann eben doch.
So ist das mit Vorhaben. Sie hängen über dem Raum-Zeit-Strahl wie eine Damoklesschwert-Attrappe, irgendwie bedrohlich und zugleich völlig harmlos, und nur wenige werden je in gelebte Erfahrung verwandelt. So ist es auch immer wieder mit diesem Blog. Es ist über ein Jahr, oder sogar zwei? – ich müsste nachsehen – her, dass ich den letzten Beitrag dafür geschrieben habe. Und in jedem neuen Beitrag schreibe ich davon, dass ich ab jetzt regelmäßiger schreiben und veröffentlichen möchte. Wobei einmal pro Jahr ja auch regelmäßig ist. Ha!
Wird es dieses Mal anders sein?
Ich wollte gerade ansetzen, um zu fragen, ob das überhaupt jemanden interessiert. Und da kam in der Tat sofort die Antwort: Ja! Denn auch heute sitze ich vor allem deshalb hier, weil mein Freund Peter mich immer wieder fragt, ob ich wieder geschrieben habe, und mich sehr ermuntert, es weiter zu tun. Auf einer Geburtstagsfeier gestern Abend traf ich zwei Bekannte, die es ebenfalls sagten. Und selbst unser Chefredakteur vom Magazin sagte mir immer wieder, dass er es schade fände, wenn ich wegen der journalistischen Arbeit meinen Blog vernachlässigen würde.
Doch genau das habe ich getan. Und nun merke ich, wie wenig der Journalismus mir entspricht. Diese Ebene des Mitteilens lastet schwer auf meinem Gemüt. Wo Fakten und Meinungen den zarten Boden menschlicher Empfindungen zukleistern, halte ich es nicht lange aus. Ich brauche Luft zum Atmen. Und mein Eindruck ist, dass ich da nicht die Einzige bin.
Gestern las ich im bisher nur auf Englisch erschienenen Buch „The Sacred Awakening – Reclaiming Christ Consciousness“ des Friedensaktivisten Sami Awad aus Betlehem in Palästina einen Satz, der sinngemäß lautete: Ein Leben im Jesus-Bewusstsein entfaltet sich von innen heraus. Mit der Frage im Hinterkopf: Was möchte sich durch mich erfahren, was möchte durch mich entstehen? Es geht darum, einer inneren Stimme zu folgen, die uns führt.
Das ist meine Lebensaufgabe und sie gelingt mir immer öfter und immer fließender. Oft hindere ich mich selbst an meiner Erfüllung, weil ich nicht genug Zeit und Raum schaffe, um zu fühlen, was gerade ansteht. Dann verwandle ich das Malen und Schreiben in Dinge, die ich zu erledigen habe. Und so kann es nicht aus mir heraus fließen.
Gestern wollte ich schreiben und malen und saß am Ende Stunden lang etwas verloren herum, mal auf dem Bett, mal auf einem Stuhl, mal auf dem Sessel, mal auf dem Balkon … und wartete auf eine Nachricht von dem Mann, den ich seit ein paar Monaten kennenlerne. Ich war innerlich nervös, absolut nicht in der Lage zu schreiben. Emotional aufgewühlt, ängstlich, trotzig … Und doch fühlt es sich heute an, als sei dieses Nichtstun gestern eine wichtige Vorbereitung gewesen, um heute endlich wieder zu schreiben. Einem inneren Bedürfnis folgend, statt einer äußeren Erwartung. Egal, wie gut oder schlecht das Ergebnis auch sein mag, es ist eine Befreiung, die Überwindung meiner Widerstände. Julia Cameron schreibt in „Der Weg des Künstlers“, das ich gerade zum zweiten Mal durcharbeite:
„Wer den Künstler in sich wiederentdecken möchte, muss bereit sein, ein schlechter Künstler zu sein.“
Liegt darin nicht die wirkliche Befreiung? Erschaffen, um des Erschaffens willens und nicht, um etwas darzustellen?
Ich möchte eine gute Künstlerin sein, sowohl bei Texten als auch Bildern, bin verwöhnt von Zuspruch und Komplimenten und zugleich genau dadurch gehemmt. Wenn mir nicht gefällt, was ich mache, fühle ich mich frustriert und verlegen. Was habe ich mir eingebildet? Was, wenn ich dieses Mal keine Komplimente bekomme und Peter nun enttäuscht ist von dem hier Fabrizierten?
Dahinter flüstert die Stimme der Befreiung: Dann passiert auch nichts. Dann hilft das Leben dir, nicht abzuheben, Boden unter den Füßen zu spüren, weiter zu lernen und zu erkennen, dass die Menschen dich auch lieben, wenn du schlechte Bilder malst und mittelmäßige Texte schreibst. Ja, sie lieben mich ja sogar, wenn ich gar nicht schreibe, wie ich dank meiner künstlerischen Passivität der letzten Jahre nicht umhin komme festzustellen.
Ich atme auf. Der Neuanfang ist gemacht. Meine zweite Tasse Kaffee steht noch fast unangerührt neben dem Computer. Ein zaghaftes Lächeln in meinem Gesicht. Ich mag auch kalten Kaffee. Erst recht, während ich einen frischen Text online stelle.

