Interview mit meinem vergangenen Ich

Gestern überfiel mich eine solche Trübheit, dass ich wieder einmal dachte, alles was ich tue, sei sinnlos. Dass ich nichts gelernt hätte und selbst wenn, es auch nichts bringt, da ich wieder an der gleichen Stelle stehe, wie seit eh und je.

Fest im Schwitzkasten des Gefühls der Sinnlosigkeit. Krampfhaft klammere ich mich an meine Notlösungen: frische Luft war das erste, was mir in den Sinn kam. Ich beende das Nötigste meiner Arbeit, erhebe mich aus dem Bürostuhl und streife die Turnschuhe und meine Regenjacke über.

Jaime und ich fahren zu meiner Lieblingssteilküste. Das regnerische, graue Wetter, das sich so plötzlich seit einer Woche über die Insel hermacht, erinnert mich an meine deprimierten Jugendwinter in Deutschland.

Der Abwärtsstrudel an Gedanken lässt mich erst los, als die Luft meine Nase umweht und meine Augen sich am grünen Gestrüpp bis zum Horizont nicht sattsehen können. Auf der anderen Seite erspähen sie das weite, majestätisch ruhige Meer, doch das Grün ist es, das meine Seele vorm Verdursten rettet.

Jaime läuft neben mir. Für seine Verhältnisse ist er erstaunlich nachdenklich. Er greift meine Hand. Ich konzentriere mich auf die Steine und das von kleinen, schiefen Pinien akzentuierte Gestrüpp, durch das wir gehen. Mein Atem fließt. Ich komme zu mir. Erleichterung.

Auf der Heimfahrt bricht die feuerrote Abendsonne durch die Wolken und taucht alles in ihren warmen Schleier. Ich beschließe, meine eigenen klugen Ratschläge von einst wieder hervorzukramen und selbst zu beherzigen. So greife ich vor dem Schlafengehen zum blauen Notizbuch mit Wickelschnur auf meinem Nachttisch, das ich seit Ewigkeiten nicht mehr angerührt habe, um wieder mit dem Dankbarkeitstagebuch zu beginnen und drei Sachen aufzuschreiben, für die ich an diesem melancholischen Tag dankbar bin.

Der letzte Eintrag ist vom November 2016. Plötzlich purzelt mir ein Zettel entgegen. Er stammt noch von den Anfängen, als ich diesen Blog begann. Darauf beantworte ich Fragen zu meinen Beweggründen für das Bloggen. Eine schöne Erinnerung, die ich hier mit dir teilen möchte.

 

Welche Motive befriedigt der Blog für mich, was soll er für mich tun?

„Mitteilungsbedürfnis, meine Erkenntnisse mit der Welt teilen, mich mit Gleichgesinnten vernetzen, meine Botschaft verbreiten.“

Ich muss schmunzeln, als ich das lese. Meine Erkenntnisse hielt ich heute für erst für sinnlos, bis ich mich erst einmal wieder an sie erinnerte und sie selbst anwendete. So ist das. Die größte Weisheit der Welt bringt nichts, wenn wir nicht nach ihr handeln. Unseren Hintern in Bewegung setzen.

Wie schön, jetzt nach zwei Jahren festzustellen, dass diese Motive tatsächlich erfüllt werden. Ich bin inzwischen mit Gleichgesinnten vernetzt, von denen ich mir nicht gewagt hätte zu träumen. Autoren, andere Blogger, Leser, Menschen, denen es oft ähnlich geht wie mir. Menschen, die mir schreiben, meine Texte helfen ihnen. Deren Nachrichten wiederum mir helfen.

Was soll der Blog für meine Leser tun?

„Ihr Leben bereichern, sie wachrütteln, ihnen praktisch umsetzbare Impulse für ihr Leben liefern.“

Hm. Wachrütteln. Inzwischen habe ich erkannt, dass ich das nicht kann. Dass solch ein Vorhaben vermessen ist. Ich kann vielleicht inspirieren und erinnern. Das reicht auch.

Was soll der Blog in meinem Leben verändern?

„Mich zum Schreiben motivieren, mir helfen, meine Gedanken zu ordnen und meine Berufung zu erfüllen, mir Austausch ermöglichen, vielleicht einmal Seminare und Vorträge halten, ein oder mehrere Bücher schreiben, mir Lust machen, morgens aufzustehen.“

Inzwischen schreibe ich viel mehr als vor dem Blog-Start, aber weniger als kurz nach dem Start. Wobei es da vielleicht auch Phasen gibt oder die Wahrnehmung sich verschiebt. Inzwischen habe ich tatsächlich ein Buch geschrieben, für das ich gerade nach einer Agentur suche und ich schreibe als festes Redaktionsmitglied regelmäßig für Rubikon.news. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich einmal nicht geschrieben habe. Also haben sich wahrscheinlich nur die Relationen geändert. Lediglich der Blog kam in letzter Zeit wohl zu kurz und meine Unzufriedenheit treibt mich nun zurück zum Notizbuch und hierher. Wie sehr wir uns doch auf unsere Intuition und innere Stimme verlassen können. Ich bin gerührt.

Mit der Lust morgens aufzustehen hapert es dennoch oft genug. Aber das war vielleicht auch eine übertriebene Erwartung, eines Tages nur noch wie ein Duracel-Glücksbärchi morgens aus den Federn zu hüpfen und die ewige Glückseligkeit im eigenen Schaffen zu erleben. Das Leben hat seine eigenen Gesetze und Pläne für uns.

Da hilft mir Wilhelm Schmid wieder einmal: Sinngemäß schrieb er, dass noch nichts großartiges Neues, keine Errungenschaft der Menschheit aus Zufriedenheit hervorgegangen ist, sondern immer aus Unzufriedenheit.

Was wird meine unverwechselbare Ansprache für meinen Leser?

„Meine persönliche authentische eigene Sprache, aus dem Bauch heraus, die Du-Form, damit meine Leser sich persönlich angesprochen und vertraut fühlen. Ich zeige mich und meine wahren Erfahrungen und meine tatsächliche Stimmung.“

Welch ein Glück – jetzt muss ich dieses überbenutzte Wort verwenden -, dass ich diese Plattform habe, wo ich genau so schreiben kann, wie ich bin und mich fühle und dass du dies gerade liest. Das Schreiben hat mir sehr geholfen, nun frage ich dich:

Wo standest du vor zwei Jahren? Was hast du seitdem erreicht, ohne dass du dir dessen vielleicht bewusst bist? Wofür bist du heute dankbar?

Gib niemals auf und gestalte dein Leben so, dass du nichts bereust, wenn du stirbst.

Sei es dir wert.