Der Porridge stand schon auf der Küchentheke, als ich den Raum betrat. Lisa fragte, ob ich immer noch schlecht gelaunt sei, und sagte, dass ich strahle. Ich sagte, dass ich versuche, mich selbst aus meinem Sumpf zu ziehen. Sie sagte, dass vielleicht der warme Haferbrei mit roten Früchten und Banane dabei hilfreich sein könnte. Und so war es.
Ich las gestern Nacht noch bis 3 Uhr. Überhaupt tat ich gestern nichts anderes außer Lesen, Übersetzen und Schreiben. Und nun schreibe ich schon wieder.
Heute Morgen, oder besser, am späten Vormittag, als ich aufwachte, kam die Scham über das von mir gestern Geschriebene. Und die Frage, warum ich das dann auch noch online stelle. Mein Hang zur Selbstdarstellung? Dazu der Gedanke, dass ich das eben so mache. Es macht mir Freude. Oder gibt mir die Illusion, wichtig zu sein. Vielleicht hilft es ja sogar manchen Lesern oder unterhält sie zumindest ein wenig. Vielleicht ist es ja schön für andere, sich dann kritische Gedanken über mich und mein Verhalten machen zu können, und mal ein wenig von sich selbst abgelenkt zu sein. Oder zu erkennen, dass auch andere Menschen diese inneren Konflikte und ihre Macken und komischen Verhaltensweisen haben und vor allem ihre Selbstzweifel.
Also lasse ich alles so stehen. Dann ist es eben Selbstdarstellung. Dieses ständige Hadern mit mir und der Welt. Es gehört wohl einfach zum Leben dazu. Vor allem beim Vollmond. Schieben wir es doch auf den Vollmond.
Heute sieht die Welt auf einmal wieder anders aus. Dieses liebevolle Frühstück mit Lisa. Was so kleine Gesten der Fürsorge bewirken können. Und Wassim schrieb mir seine Meinung zu meinem Text gestern, den ich ihm auf Englisch schickte, weil wir uns gegenseitig unsere Texte zeigen. Und im Gegensatz zu meinem inneren Kritiker, ist er davon begeistert und gerührt. Unsere Beziehung überrascht mich immer wieder aufs Neue. Zwei sensible Künstler, die sich gegenseitig ermutigen. Was gibt es Schöneres?
Ja, und nun, wo die Schwere sich wieder verfolgen hat, fließt Dankbarkeit. Manchmal frage ich mich auch, ob ich nicht einfach irgendwelche Hormonungleichgewichte habe, irgendwas mit der Schilddrüse oder den Darmbakterien, das mir diese krassen Stimmungswechsel beschert. Am Ende ist es wohl ein Zusammen- und Wechselspiel aus all diesen Faktoren.
Was kann ich daraus lernen?
Nichts.
Ich möchte aufhören, immer aus allem etwas lernen zu wollen. Ich möchte leben. So wie Frida. Natürlich geht das nicht, denn Frida ist eine Katze und ich bin ein Mensch. Zumal ich keine Ahnung habe, wie Frida sich wirklich fühlt und ob ich wirklich mit ihr tauschen wollen würde.
Zum Glück geht das eh nicht und so kann ich einfach weiter mit mir und der Welt hadern, darüber schreiben und mich selbst in den Texten anderer Menschen verlieren oder wiederfinden. Deshalb möchte ich hier am Ende noch eine kleine Liebeserklärung an Wolf Haas abgeben: Ich liebe seine Schreibweise, seine Bücher. Gerade lese ich nach Jahren seit dem letzten Teil, den ich noch hatte, den letzten Roman seiner Brenner-Reihe. Der ehemalige Polizist ist nun Müllmann und das Buch heißt auch so: Müll.
Ich habe es bis morgens 3 Uhr gelesen und werde mir nun den Luxus gönnen, weiterzulesen, nachdem ich mein heutiges Pensum eines größeren, langweiligen Übersetzungsprojekts erledigt haben werde. Als Belohnung gibt es den Brenner mit seinen absurden Situationen, so viel Weisheit in einfacher Sprache. Verben Fehlanzeige! Solche Kunst vermag mein Gemüt zu heilen. Ja! Heilen! Ein großes Wort. Gestern kam der Gedanke ja auch schon kurz auf. Und heute verfestigt er sich: Gute Kunst, authentische Kunst, die uns berührt und abseits des Verstandes in uns landet, bringt Heilung. Sie macht mich zur Mitschöpferin, holt mich aus der Illusion der Machtlosigkeit, inspiriert mich für eventuelle eigene Kreationen – lässt mich davon träumen, eines Tages ein lustiges Weisheitsbuch mit Tiefgang zu schreiben. In Gesprächen bringe ich mein Gegenüber oft zum Lachen, wenn ich richtig gut drauf bin. Manchmal sogar, wenn ich schlecht drauf bin. Dann kommt der schwarze Humor.
Die grauen Wolken erscheinen mir heute etwas hellgrauer als gestern. Und am Ende – das haben wir ja schon festgelegt – war es eh wieder der Vollmond, und all diese Gedanken dienen nur dazu, mir die Zeit zu vertreiben. Denn für das Leben ist egal, was ich tue, während ich atme.
Hach, das Leben. Für jeden von uns ist es so anders. Ich grüße euch, wer auch immer dies liest. Und auch diejenigen, die es nicht lesen. Wie die junge Journalistin Anyí in Kuba, an die ich gerade denke. Menschen. So viele Menschen überall.

