Kontrollverlust

Dumm. Ich fühle mich dumm. Denke immer wieder, wie ich nur so blöd sein konnte. Der Anruf gab mir den Rest.

Am Vormittag erfuhr ich, dass Frida und ich doch nicht bei meiner Freundin einziehen können, weil dort keine Katzen erlaubt sind. Und ich spürte, auch weil sie Angst davor hatte.

Am Sonntag waren wir auf die Idee gekommen. Oder besser gesagt, hatte ich endlich ihre Hilfe angenommen, die sie mir seit Januar schon angeboten hatte. Probeweise zu ihr zu ziehen. Doch ich hatte Angst, dass es unsere Freundschaft belastet, dass ich mich nicht wohlfühlen würde, weil es eben ihre Wohnung ist, in der sie nun schon lange alleine wohnt.

Samstag übernachtete ich bei ihr, Sonntag beim Frühstück unterhielten wir uns so angeregt, dass ich nun mutig war und vorschlug, es doch zu probieren. Dann freute ich mich richtig darauf. In meiner Begeisterung fühlte sie sich auf einmal unwohl, aber traute es sich erst einmal nicht zu sagen, um mich nicht zu enttäuschen. Das kann ich verstehen. Trotzdem fühlte es sich noch blöder an, als mich gestern beim Co-Working-Frühstück jemand fragte, ob ich wüsste, wo ich nun wohnen würde und ich grinste und zu ihr hinüberschielte. Da fügte sie schnell hinzu: Nur vorrübergehend. Ich kam mir blöd vor.

Also stand ich auf und ging Zigaretten kaufen, hielt meine Tränen der Enttäuschung zurück. Gedanken in meinem Kopf: Warum muss ich immer so empfindlich sein? Kein Wunder, dass die Leute es nicht mit mir aushalten. Wie konnte ich nur wieder so blöd sein, und glauben, dass ich wieder ein Zuhause gefunden hätte. Für mich und für Frida.

Später kam meine Freundin auf mich zu und wir sprachen uns aus. Ich verstehe sie und wünsche mir, dass wir uns alles sagen können, keine sich verstellen muss, auch wenn es unangenehm ist. Sie fühlt sich schuldig, weil sie mir gern helfen würde und stattdessen ihre Grenzen wahrt.

Ich fühle mich blöd, weil ich sie mit meiner Euphorie überforderte und … weil ich nicht weiß, wie es in meinem Leben weitergeht. Weil ich merke, wie sehr es meine Freunde und Familie belastet, dass ich weder meine Finanzen noch die Wohnsituation in den Griff bekomme.

Ist es meine Schuld? Ist es das System?

Ich versuche, nicht in die Schuldgedankenspirale abzutauchen und mir bewusst zu machen, was ich welche Möglichkeiten und Fähigkeiten habe. Als ich nach ein paar Übersetzungsaufträgen und einem neuen Konzept für mein nächstes Videointerview gerade den PC abschalte, erhalte ich den Anruf.

Normalerweise gehe ich nicht ran, wenn ich solche Nummern sehe. Spanisches Festnetz. Werbung oder so. Ich nahm den Anruf dennoch an. Meine Bank. Ein Berater sagte, es bestünde der Verdacht, dass mit meinem Konto Verkäufe getätigt werden, die nicht von mir sind. Ich bestätige, dass ich an dem Tag nichts bestellt hatte.

Der Berater erklärte mir viele Sachen, warnte mich, sagte, die Guardia Civil würde sich bei mir melden. Nach dreißig Minuten wurde ich langsam ungeduldig und sagte, ich müsste bald auflegen. Er bat mich noch um einen Moment, wir müssten noch etwas blockieren. Dazu solle ich mich in meinem Kundenkonto anmelden. Ich folgte seiner Anleitung, mein Bauchgefühl sagte: Auflegen!

Doch ich traute mich nicht. Was, wenn es ein echter Berater ist? Ich fragte ihn, wie ich sicher sein könne, dass er kein Betrüger sei. Er verwies auf die Nummer, mit der er anrief. Es war tatsächlich die Servicenummer meiner Bank, die auch auf meiner Kreditkarte steht.

Irgendwann sah ich, dass 100 Euro von meinem Konto verschwunden waren. Von 300 Euro nur noch 200 übrig … Nun legte ich auf. Rief dieselbe Nummer zurück und hatte nach einer Weile künstlicher Computerassistenten einen Menschen an der Leitung, der mir sagte, sie würden mit dieser Nummer nie Kunden anrufen …

Das gab mir den Rest. Ich hatte nicht auf mein Bauchgefühl gehört. Was bringen mir all meine Erkenntnisse und schlauen Weisheiten, wenn ich im Ernstfall nicht in der Lage bin, darauf zu hören? Welch ein beschissenes Gefühl, sich so dumm vorzukommen.

Alle sagen mir, wie talentiert ich sei, wie schön, wie intelligent … Und was bringt es mir, wenn ich dennoch nicht in der Lage bin, eine Miete zu bezahlen, mich vor Betrügern zu schützen und irgendwie die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen?

Meine Freunde und Familie leiden darunter, weil sie mir natürlich in bestimmten Momenten helfen können, aber nicht langfristig. Ich bin eine Belastung für sie. Desto länger die Situation dauert, desto eher habe ich den Eindruck oder die Angst, sie beginnen doch mir die Schuld zu geben … Schuld. Immer diese blöde Schuld.

Wann fing es an? Als Juan mich verließ und ich nicht wusste, wo ich auf die Schnelle mit zwei Katzen hinziehen sollte? Oder diesen Winter als Ghost starb und Antje und Joana mich rausschmissen, jetzt wo die Mieten noch teurer sind als vor 2 Jahren … Hätte ich zum damaligen Zeitpunkt eine andere Wohnung suchen sollen, statt gegen mein unwohles Gefühl bei ihnen zu bleiben, weil es ja doch auch schön war, nur die beiden eben unberechenbar mit ihren Triggern und emotionalen Reaktionen? Und ist das Problem nicht vielmehr, dass ich gar nicht weiß, was ich überhaupt möchte? Wohngemeinschaft oder allein, in der Stadt oder auf dem Land?

Ich legte mich zuhause angekommen aufs Sofa, ließ meine Tränen laufen und die Gedanken wurden irgendwann von allein müde.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in eine solche Lage geraten würde. Seit Jahren schreibe ich über ein selbstbestimmtes Leben … Nun fühle ich mich auf die Probe gestellt. Wie sehr vertraue ich mir und dem Leben? Ist es nicht unumgänglich, dass ich in solch eine Situation gerate, um überhaupt aus Erfahrung sprechen und schreiben zu können und nicht nur aus einer angelesenen Theorie heraus?

Waren nicht viele Künstler in ihrem Leben mit existenziellen Ängsten konfrontiert? Vertrauen ins Leben kommt durch gelebte Erfahrung.

Eckhart Tolle verweist auf die Gegenwart. Und jetzt gerade sitze ich in einer schönen Wohnung in einer traumhaften Altstadt am Meer in Begleitung einer besänftigenden Zenmeisterin im Körper einer Katze mit zauberhaften blauen Augen. Niemand macht mir Vorwürfe. Im Gegenteil: Meine Familie und Freunde muntern mich auf, hören mir zu und bringen mich auch immer wieder zum Lachen, bestärken mich. Meine Eltern und Schwester sagen mir immer wieder, wie stolz sie auf mich sind.

Die Verurteilungen und Ängste kommen aus mir. Während ich auf dem Sofa liege und die Tränen trocknen, sehe ich sie an … und sie verlieren ihre Kraft. Dahinter sehe ich, wie die Sonne scheint. Jetzt gerade ist alles in Ordnung. Und das Leben können wir sowieso nie kontrollieren. Kontrolle ist immer eine Illusion. Mein Gemüt erhellt sich sachte. An die Stelle der Selbstzweifel und Ängste tritt Neugierde, wie mein Weg wohl weitergeht.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Danke, Hermann!

Was bedeutet Systemwechsel? Diese Gedanken als programmierte Stimme des neoliberalen Systems in uns als solche zu erkennen und den Weg in die unsichere, unkontrollierbare Lebendigkeit weiterzugehen, Hand in Hand mit meinen Ängsten und der Neugierde? Ich möchte Vertrauen lernen. Ich möchte neue Wege ausprobieren. Diese ekligen Gefühle gehören dazu. Sie sind der Prüfstein meiner Entschlossenheit.