Als Ghost starb

Elisa & Ghost 2

Endlich. Ich nehme mir nach über einem Jahr wieder Zeit, einen Text für meinen Blog zu schreiben. In den letzten dreizehn Monaten wandelte sich mein Leben wieder einmal komplett. Nach einem Jahr fällt mir kein besserer Einstieg ein? Verdammt. Es klappt nicht. Es fließen keine Worte aus mir in die Tasten.

Nach so langer Zeit will ich einen herausragenden Text schreiben, etwas Tiefgründiges, Kunstfertiges. Ich will dich beeindrucken mit meinem Fortschritt. Wozu eigentlich? Ich kenne dich nicht. Dennoch will ich dich auf dem Laufenden halten. Wir Menschen sind schon rührende Wesen. Ich unterstelle uns jetzt allen einfach einmal, dass wir so ein Geltungsbedürfnis gemeinsam haben.

Mein letzter Beitrag ist vom März 2023. Im April verbrachte ich fast den ganzen Monat in der Friedensforschungsgemeinschaft Tamera, wo ich von körpereigenen Drogen in ungeahnte Höhenflüge versetzt durch den Frühsommer Südportugals hüpfte: Zunächst verbrachte ich dort zwei Wochen mit neun Journalisten und Künstlerinnen, die ich in Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft dorthin eingeladen hatte, um herauszufinden, wie wir Friedensjournalismus umsetzen können. Wundersamer Weise waren alle der Einladung gefolgt. Auf eigene Kosten, zu zehnt in einem Haus mit einer Komposttoilette im Garten.

Zeitgleich gründeten meine Rubikon-Kollegen und ich aufgrund eines Konflikts um Nutzungsrechte unsere eigene Zeitung Manova. Drei von ihnen waren mit in Tamera. Wir durften das lichtdurchflutete, sechseckige, von heilig-aktivistischer Energie erfüllte Büro des „Instituts für globale Friedensarbeit“ mitbenutzen und lernten dadurch auch einige der Mitarbeiter aus Tamera besser kennen.

Und in der letzten Woche setzte ich meinen Traum um, mit eigenem Filmteam (meinen geliebten Kollegen Nico und Felix) Interviews zu drehen und mich dadurch wirksam und wichtig zu fühlen. Da war es wieder, das Geltungsbedürfnis. Und ich schwärmte für den Tamera-Mitarbeiter Martin Winiecki und freute mich über jede Begegnung – zwei davon vor der Kamera. Lebendigkeit pur.

Im Juli und November reiste ich erneut nach Tamera. Diese beiden Aufenthalte waren im Vergleich zum April bedrückend. Im Sommer fühlte ich mich verloren und einsam. Die „Bienenfrau“ Annelieke nahm sich meiner an. Ich übersetzte aus einem merkwürdigen Impuls heraus kostenlos das Buch „Die Weisheit der Bienen“ von ihrer Freundin Sandira aus dem Französischen ins Deutsche und lernte dadurch eine ganz andere Sicht auf uns Menschen kennen. Fühlte die Liebe der Bienen für die Menschen, während mein Verstand das merkwürdig beäugte. Glücklicherweise hat er nicht mehr das Bedürfnis ständig für alles eine Erklärung zu finden und lässt es bei einem imaginären „What the fuck, Elisa?“.

Im Oktober pilgerte ich die Südküste Portugals auf dem Fischermens Trail Richtung Norden, bis nach Tamera, wo ich am Seminar „SD-Forum for Arts“ teilnahm. Selbstdarstellungsforum mit kreativen Gestaltungsmöglichkeiten aus der Theaterwelt.

Ich wollte meinen Charakterpanzer ablegen … Dachte, dahinter würde eine von Komplexen befreite Elisa von natürlicher Lebendigkeit und Schönheit warten. Stattdessen kamen Tränen, Schmerz und Übelkeit. Die Trauer, die ich mir jahrelang nicht als solche eingestehen wollte. Trauer um drei nichtgeborene Kinder. Trauer um die Mutter in mir, die ihre Kinder nie kennenlernen sollte.

Diese Gefühle im Beisein von dreißig fremden Seminarteilnehmern auszuhalten, deren Themen nicht weniger heftig an die Oberfläche traten, stellte sich als schwerer heraus, als ich gedacht hatte. Oft zog ich mich zurück. Und fand dann doch wieder den Weg zurück in die Gruppe. Wir weinten zusammen, sprachen täglich auch über den Krieg in Israel und Gaza. Mehrere Teilnehmer kamen aus der Region. Und wir tanzten und lachten, kuschelten und scherzten miteinander in einem lebendigen Wechsel, einer befreienden Gleichzeitigkeit von Gemütszuständen, die es uns erlaubten, zu erahnen, wie Gemeinschaft sich anfühlen kann, wenn alle sich zeigen können, wie sie in jedem Moment jeweils sind.

Während der zwei Seminarwochen tauchten drei Figuren fast wie von selbst aus meinem Inneren auf, die ich mithilfe von Kostümen zum Ausdruck brachte:

Pineapple Queen, die Ananas-Königin, die vom menschlichen Verstehen- und Alles-richtig-machen-müssen befreit ist, da sie ja nur eine Ananas ist.

Cindy, eine Leipzigerin mit sächsischem Akzent auf der Suche nach dem Mann ihres Lebens. Rotes langes Abendkleid, rote Baskenmütze, unter der sie ihr Haar hochsteckt, auffällige grüne Brille im 70er-Jahre-Stil. Eine Erscheinung von intellektueller Sinnlichkeit, bis sie den Mund aufmacht. Sie erzählte den Seminarteilnehmern, die im Kreis um sie herum saßen, in stark sächsisch geprägtem Englisch von Elisas Fehlgeburten, um deren Gefühlsausbrüche zu erklären.

In diese Rolle zu schlüpfen und von mir in der dritten Person zu sprechen, befreite mich und half mir, Mitgefühl mit mir selbst zu haben, zu erkennen, wie schmerzhaft diese letzten zehn Jahre seit der ersten verlorenen Schwangerschaft waren. Vielleicht konnte ich all meine bisherigen Tränen und Weinkrämpfe nicht als Trauer erkennen, weil ich es nicht ausgehalten hätte? Jedes Kind, das ich in Tamera sah, triggerte den Schmerz. Hier ich durfte es sagen, musste nicht so tun, als würde ich mich über den Anblick der kleinen Menschen freuen. Erleichterung.

Am Abschlussabend tauchte eine neue Figur aus mir auf, die mir seitdem sehr nützlich ist. Nach so viel Tiefgründigkeit und Emotionalität plagten mich nun Minderwertigkeitsgedanken und Neid. Warum flirten die Männer nicht mit mir, sondern mit den anderen Frauen? Warum sieht mich keiner? Warum ist mir das überhaupt wichtig? Sollte ich nicht darüber stehen?

Ich hatte keine Lust auf dieses Gefühl der Bedürftigkeit und schon gar nicht auf die Selbstverurteilung, dass ich Neid fühlte auf die anderen, die so selbstbewusst und extrovertiert, so natürlich ihren Platz einnehmend wirkten. Es war zugleich der letzte Abend der Gästesaison mit entsprechender Abschlussparty, zu der sich viele verkleiden wollten, gerade die Leute aus unserem Kurs. Mir fehlten die Ideen. Welch schnödes Ende. Ich war nicht nur unattraktiv und belanglos, sondern auch noch unoriginell und langweilig.

Kurz bevor es losging, beim Abendessen, im Gespräch mit anderen über meine Minderwertigkeitsgedanken und meinen Neid kam die rettende Idee: Ich beschloss, als Ego zum Fest zu gehen und mich selbst zu feiern. Elisa war vielleicht langweilig, aber Ego war cool. Also schmiss ich mich in einen absichtlich unästhetisch zusammengewürfelten Look: Schwarze schulterlange Lockenperrücke, die wie ein ausgeleierter Afro wirkte, blau und grün bemaltes Gesicht, übergroßes kastenförmiges Hemd mit 90er-Jahre-Printmuster in Apricot, Lila und Grün zu ausgeleierter Leoparden-Samthose. Dazu meine Wandersandalen und rote Socken.

Es war ein grandioser Abend. Welch eine Freude, das zu feiern, was ich verurteilte. Ich sprach ganz anders mit den Leuten, schließlich spielte ich ja nur eine Rolle, in der ich mir alles erlauben durfte, was ich Elisa niemals erlaubt hätte. So fragte ich Männer einfach, warum sie mich nicht ansehen, wenn sie gerade mit anderen im Gespräch waren, und nachdem sie kurz irritiert den Kopf drehten, lachten wir zusammen. Ego nahm sich einfach alle Aufmerksamkeit, die sie wollte, und kuschelte sich in der Nacht glücklich zu Elisa ins Bett und flüsterte ihr selig zu: Danke!

Am 13. November reiste ich zurück nach Mallorca.

Kurz darauf starb Ghost.

Er war neun Jahre alt und hatte mich begleitet, seitdem ich gerade einmal ein paar Monate auf der Insel war. Jaime, mein damaliger Partner, hatte ihn mir zum Geburtstag geschenkt, damit ich nicht mehr so einsam bin. Jaime und ich trennten uns nach fünf Jahren. Ghost blieb.

In der Nacht, als er starb, erinnerte ich mich an das Bienenbuch, das ich übersetzt hatte. An die Sicht der Bienen auf den Tod. Und daran, dass Annelieke mir Propolis von den Bienen und einen extrem flachen Stein vom Atlantik mitgegeben hatte, um sie für besondere Augenblicke anzuzünden. Ich holte sie aus meinem Malzimmer. Allein der Geruch wirkte beruhigend.

Schon in den zwei Nächten zuvor hatte sich Ghost immer wieder von mir losgerissen, während er sich sonst von allein in meine Arme kuschelte. Mit letzter Kraft hatte er sich vom Bett fallen lassen und war darunter gekrochen. Ich hatte es kaum ausgehalten, ihn dort liegen zu lassen. Also verließ ich so viel wie möglich die Wohnung, um seinen Wunsch nach Rückzug respektieren zu können.

Doch nachts schlief ich natürlich zuhause. Und da lag er nun. Atmete noch, aber war schon kaum noch bei Bewusstsein. Ich holte also die Propolis aus dem kleinen Säckchen, legte sie auf den Stein und zündete ein wenig davon an, wedelte den Rauch zu Ghost und zu mir. Spürte, wie ich immer ruhiger wurde.

Ich bedankte mich bei Ghost dafür, dass er mich durch all die schweren Jahre begleitet hatte. Für unsere intensive Beziehung, in der er immer meine Nähe suchte, nachts in meinen Armen schlief, tagsüber sein Köpfchen an mein Gesicht stupste, während ich am PC saß. Für seine Gegenwart, in der ich mich zuhause fühlte.

Dann legte ich mich aufs Bett direkt über ihn und schlief ein. Die Überforderung von der Situation und der zugeschnürte Magen wichen auf wundersame Weise einem Frieden mit seinem Sterben. Als ich aufwachte, atmete er nicht mehr, während eine Stimme mir zuflüsterte: Du brauchst mich jetzt nicht mehr. Du hast nun gelernt, dich auch mit Menschen wohlzufühlen.

Allerdings nicht mit allen.

Meine Mitbewohnerinnen verurteilten mich dafür, Ghost in seinem Sterbeprozess so viel alleingelassen zu haben, und ließen ihre Wut und Empörung darüber ungebremst an mir aus. Ich teilte ihnen mit, dass ich meine Ruhe wollte und auch keine Gemeinschaft mehr mit ihnen. Dass ich zwar im Haus bleiben, aber zu ihnen nur noch eine nachbarschaftliche Beziehung pflegen würde, keine Freundschaft mehr. Sie fanden, in dem Fall es sei es das Beste, wenn ich bis Monatsende ausziehe.

Und so verließen meine zweite Katze Frida und ich zwei Tage, nachdem ich Ghost im Garten begraben hatte, die Finca. Mein Ex-Freund Jaime, der mir Ghost geschenkt hatte, kam nach 4 Jahren seit unserer Trennung extra vorbei, um mit mir gemeinsam zu trauern, und half mir auch direkt dabei, meine Möbel zu sich zu bringen und dort unterzustellen, bis ich irgendwann eine neue Wohnung finde.

Frida und ich übernachteten erst einmal bei meiner Freundin Emilie in Palma. Andere Freunde aus Frankreich liehen mir uns ihre kleine Einraumwohnung in der wunderschönen Altstadt nicht weit von Emilie entfernt, wo ich seitdem bis zum Sommer unterkomme. Nun habe ich keine feste Wohnung mehr und fühle mich auf Mallorca verwurzelter denn je. Dank der Freunde, die da sind. Mich auffangen.

Ich fühle Vertrauen ins Leben, weil ich nun weiß, was mir wirkliche Sicherheit gibt: Die Kunst, zu wissen, wie man sich schützt, ohne sich zu verschließen. Die Fähigkeit, um Hilfe zu bitten. Und das Glück, dass da Menschen sind – Eltern, Geschwister, Freunde, Arbeitskollegen – die sich tatsächlich sogar freuen, wenn sie mir helfen dürfen.

Und da höre ich sie wieder, Ghosts Stimme: Du brauchst mich jetzt nicht mehr. Du bist nicht mehr allein.

Ghost und Elisa, September 2014
Zusammen am Schreibtisch, 2015
Ghost und Frida, 2020
Kuscheln auf dem Schreibtisch, 2023
Gemeinsam einsam. Irgendwann zwischendurch.