Ein neues Jahr. Schon wieder. Immerhin gefällt mir die Zahl. 2026. Das sieht hübsch aus. Wahrscheinlich ist das meine Prägung. Von klein auf war in meiner Familie nur eines sicher: Die 13 ist eine Glückszahl. Und so klingelten Wecker immer zu Minute 13, 26, 39 oder 52. Freitag, der 13. war Anlass zur Freude. Ob diese Tage dann wirklich so gut waren, weiß kein Mensch mehr. Die 13 wird nicht hinterfragt. Und nun ist sie doppelt dabei.
2025 sah nicht so hübsch für mich aus, bescherte mir allerdings tatsächlich ein überraschend schönes Jahr. Und doch bin ich bei all den glücklichen Fügungen und nach Monaten anhaltender Heiterkeit und Freude, immer wieder an dem Punkt, wo ich jetzt sitze. Einer Art Nichts. Eigentlich seit der Äthiopienreise im November.
Es geschehen wundervolle Dinge in meinem Leben – ich schreibe inzwischen immer öfter für Geld, ich werde zu Reisen in ferne Länder eingeladen, um die Menschen kennenzulernen, nach denen ich mich sehne. Und gleichzeitig erscheinen Menschen aus fernen Ländern direkt bei mir auf Mallorca und werden Teil meines Alltags. Mein Horizont wird immer weiter. Und desto mehr Freude und Verbindung und Erkenntnis kommt, desto schwerer lastet die Ratlosigkeit und Ohnmacht auf und in mir.
Immer wieder muss ich mir sagen, dass es hinter dem menschengemachten Wahnsinn eine göttliche Ordnung gibt, doch kaum habe ich das gedacht, kommt der Einwand, dass die göttliche Ordnung die Menschen ja auch so hervorgebracht hat, wie sie sind. So zerstörerisch wie verletzlich. Und so sensibel wie kaltblütig – in verschiedenen Ausmaßen. Dass die wenigen Rabiaten dabei auch noch immer die Oberhand zu haben scheinen über die Mehrheit der Sanftmütigen … Wie soll ich daran nicht verzweifeln? Wie Sanftmütige im Angesicht der Bedrohung selbst zu kaltblütigen, zynischen … Menschen? … werden … Oder aus Angst und Gruppendruck mitmachen …
Gestern hörte ich Gerald Hüther in einem Interview sagen, dass wir nicht vom System sprechen sollen, das verantwortlich für so viel Leid ist, sondern von den Menschen, den Subjekten, die diese Systeme ja zusammen bilden. Und dann ist da noch das Innenleben jedes einzelnen dieser Menschen. So viele Verstrickungen, Wahrnehmungen, Verantwortungen, unbewusste Taten, Träume, Enttäuschungen … mir schwirrt der Kopf. Es ist besser, sich immer nur auf eine Geschichte eines Menschen zu konzentrieren, doch dann gerät das Ganze, was sich aus dem Handeln dieses Menschen ergibt und das dessen Handeln wiederum beeinflusst, aus dem Blick.
Ich möchte, dass es aufhört. Dass meine Gedanken nicht all das mitdenken. Es ist zu viel. Ich sehe Zusammenhänge, die so viele andere nicht zu sehen scheinen oder nicht sehen wollen? Denn dann müssten wir ja alle unsere eigene Mitverantwortung erkennen und entweder annehmen oder aber aufhören scheinheilige Scheiße zu reden? Die Verbindungen zwischen allem sind verstrickt wie ein Teller Spaghetti. Und was würde es nützen, wenn mehr Menschen diese Zusammenhänge sähen?
Vielleicht etwas mehr Mitgefühl und Verständnis für andere und sie selbst?
Mich trifft diese Stimmung heute wie ein schwerer Schlag. Doch ich wehre mich davor, zu Boden zu sinken. Kann noch nicht einmal sehen, was genau mir heute diese Schwere aufbürdet? Mein Hinterkopf dröhnt.
Ich lese und höre in Leitmedien von der Angst so vieler Menschen in Europa und Amerika vor dem Rechtsruck. Nie lese oder höre ich dort von der Angst, dass unsere eigenen Regierungen Kriege anzetteln, die immer mehr werden und vielleicht auch bald Deutschland wieder im Bombenhagel versinken lassen.
Ich erkenne immer mehr das Unrecht und die Wunden von Menschen außerhalb Europas durch europäische und amerikanische … ja was … Invasionen? Einflüsse? Geheimdienstoperationen? Wunden, die vor Jahrhunderten durch die Kolonialisierung anderer Kontinente ihren Anfang nahmen und bis heute nicht heilen, und täglich kommen durch neue „Interventionen“ neue Wunden dazu. Und ich erkenne auch immer mehr die Wunden und das Unrecht, die Deutsche aufgrund der Politik ihrer Regierungen erlitten und sich dessen oft nicht einmal bewusst sind. Wie meine Omas. Sie waren auch Kriegskinder, mussten flüchten, erlitten Armut, Hunger und Demütigung. Nie wurden sie als Kriegsopfer anerkannt. Nie wurden ihre Traumata ihnen gegenüber als solche von anderen anerkannt. Und so konnten diese auch nie heilen.
Wobei ich zumindest den Eindruck habe, dass es etwas Erleichterung in ihnen gibt, seitdem ich es erkenne, obwohl ich selbst mit ihnen über diese Erkenntnisse noch gar nicht gesprochen habe. Ich spreche mit meinen Freundinnen darüber, in deren Ländern heute Krieg ist, wie Sudan und Palästina. Meine Freundinnen arbeiten mit Frauen und Kindern, die Opfer von Kriegen sind und versuchen, ihnen psycho-soziale Unterstützung zu geben oder mit ihnen zu malen. Ich sehe, wie wichtig das ist. Denn sonst reichen die Wunden von den Überlebenden noch bis zu den künftigen Enkeln dieser Kinder. Meine Freundinnen sagen mir, dass ich sie besser verstehen kann, als sie dachten, obwohl ich im „behüteten“ Europa groß wurde. Ich beschreibe ihnen, wie die Seelen meiner Omas und dann auch Eltern erkaltet schienen. Ich beschreibe, wie entwurzelt ich mich fühle und wie leer trotz all der Privilegien. Und sie verstehen mich, weil sie es in Europa auch beobachten, wie viel kälter die Menschen im Alltag miteinander umgehen. Nun lag das vielleicht noch nicht einmal an den Weltkriegen, denn die Preußen waren ja auch schon davor für ihre Strenge und Disziplin berühmt. Ja, und so ziehen meine Gedanken immer weiter … Die Preußen! Was weiß ich schon über die Preußen?!
Es frustriert mich, dass dann irgendwelche Debatten über einen Rechtsruck geführt werden, während die aktuelle deutsche Regierung selbst so handelt, wie die AfD es bisher nur in Programmen proklamiert. Rückführungen sind auf einmal kein Tabu mehr, wofür Tausende auf die deutschen Straßen gehen. Sehen die Leute diese Widersprüche nicht?
Diejenigen, die sich für unfehlbar und rechtschaffen halten, weil sie schön links sind und trotzdem reicher als die meisten, die glauben, ihnen könne keiner was vormachen, sind dabei nicht besser, als irgendwelche Massen, die sie für manipuliert halten. Gott sei Dank treffe ich immer wieder Menschen, die sich in keine dieser Scheißkategorien mehr einsortieren lassen und die selbst viel differenzierter denken, als es in sämtlichen Medien – etablierten oder neuen, werbefinanzierten oder unabhängigen – dargestellt wird.
Ich weiß, dass ich auf jeden Fall manipuliert bin. Von vielen Seiten. Und ich mache mir jeden Tag die Mühe, unter all den Urteilen und vermeintlichen Gewissheiten, die mein Kopf sich so aneignet oder angeeignet bekommt, zu fühlen, was Sinn ergibt und was nicht. Und was mein Urteil im schlimmsten Fall für Folgen auf andere hätte … Das schlimmste sind die selbsterfüllenden Prophezeiungen. Denn natürlich gibt es tatsächlich einen Rechtsruck, über den ich auch fassungslos bin. Und ich sehe – im Gegensatz zu anderen – überhaupt keine Linken oder keine Mitte mehr, von der man noch abrücken könnte. Und es gibt auch mehr Einwanderer in Deutschland – das sehe ich auch. Und den Umgang mit diesen Menschen finde ich auch unmenschlich. Über die eigentlichen Themen wird nie gesprochen, weil sie so komplex sind. Und so verstrickt.
Wenn ich schon den Satz höre „Eigentlich bin ich ja Pazifist“ möchte ich als ordentliche Pazifistin am liebsten eine Pfanne holen und sie irgendwo hin schlagen. Überall, wo ich hinsehe, verliere ich nicht nur die Fassung, sondern auch den Überblick – und ich versuche schon, nur gezielt irgendwo hinzusehen, wo ich noch einen Überblick haben könnte.
Wieso hatten die Leute bei der Revolution im Sudan damals so viele saubere, neue Fähnchen, wie ich heute auf Bildern sah, als ich etwas recherchierte? War es ein orchestrierter Aufstand? Wie viele Aufstände sind überhaupt jemals echt gewesen? Selbst über die friedliche Revolution in der DDR, die zum Mauerfall führte, musste ich später erfahren, dass sie vom Westen beeinflusst wurde und aus „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk“ wurde – ob nun während der Demonstrationen oder im Nachgang weiß anscheinend auch kein Mensch mehr. Die Gewalt in Kolumbien – da blickt auch niemand mehr durch.
In einem Roman über Saudi-Arabien las ich, wie die Amerikaner dort anfingen, sich das Öl unter den Nagel zu reißen. Heute hörte ich, dass Venezuela von den USA bombardiert wurde … „Eigentliche Pazifisten“ schwafeln nun etwas von der Sinnhaftigkeit der Bundeswehr in Anbetracht der Bedrohung durch Putin … Und nie erwähnen all diese Leute die Bedrohung durch unsere westlichen Regierungen und die riesigen Konzerne dahinter …
Natürlich wirke ich auf diese Leute naiv. Nach ihrer Logik kann Pazifismus nur naiv sein. Sie bewundern Menschen wie Ghandi, Mandela oder Martin Luther King, aber entscheiden sich, noch nicht einmal ansatzweise zu versuchen so zu denken, zu fühlen, zu sprechen und zu handeln wie diese.
Wer macht am Ende den Krieg? Und wer macht Frieden?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass all meine Gedanken zu den Themen und der Fokus der meisten Leute auf die „anderen“ mich in den Wahnsinn oder Trübsinn zu treiben scheinen. Und ich hoffe, es liegt nur an den kurzen grauen Wintertagen, dass ich meine Kräfte so rasant schwinden spüre. Ich kann eh nur das Leben durch mich wirken lassen. Desto mehr ich mich anstrenge, desto eher erliege ich dem … ja … dem was eigentlich?
Wie finde ich an Tagen wie diesen wieder in meine Kraft? In die Kraft aus der heraus Sätze wie „Was ist das Beste, das passieren kann?“ magische Kleinereignisse erschaffen?
Wahrscheinlich indem ich aufhöre, zu versuchen irgendetwas zu ändern. Und so ist dieser Text nun mein verzweifelter Versuch alles rauszulassen, was in meinem Kopf sein Unwesen treibt. Alles muss raus. Aber wie?
Kunst, flüstert ein zierlicher Gedanke. Doch das Malen schiebe ich die ganze Zeit auf. Vielleicht aus Angst, dass es dann auch nicht besser wird? Und dann kein imaginärer Strohhalm mehr da ist? Oder das Bild nicht gelingt?
Es ist trostlos. Gute Nacht.

