Gedanken in Äthiopien

Äthiopien

Ein Seufzer. Stille. Wo anfangen? Ich sitze in Äthiopien auf einem gepolsterten Stuhl an einem kleinen Schreibtisch in einem komfortablen Zimmer mit luxuriöser weißer Bettwäsche auf einem richtigen Bett. Die Balkontür kann ich öffnen, doch das Gitter dahinter nicht, sodass der Balkon eher zur Deko dient als einem anderen Zweck.

Ich kann mich nicht frei bewegen, denn außerhalb des Compounds in dem das Gebäude steht, wo wir untergebracht sind, ist eine andere Welt. Eine mir völlig fremde Welt, in der ich als weiße blonde Frau auffalle. Freundliche Fahrer kutschieren mich und meine Begleiterinnen manchmal an andere Orte, an denen wir wieder genauso begrenzt aber sehr bequem untergebracht sind. Dreimal am Tag wird uns leckeres Essen serviert.

Wir treffen Priester, Nonnen und auch zwei Bischöfe. Die Institution Kirche, die uns hier beherbergt, ist mir ebenso fremd. Die Frauen, die wir treffen und mit denen wir hier zusammen arbeiten und uns austauschen sind mir hingegen vertraut. Doch heute ist Sonntag und so haben sie frei und ich bin mit mir und meinen Gedanken allein. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange wir schon hier sind. Es fühlt sich an wie Monate, ist aber noch nicht einmal eine Woche. Ich bin von Eindrücken ebenso übersättigt wie vom Essen. Wieder ein Seufzer. Die Worte fließen nur zäh aus mir heraus.

Vor einem Jahr war ich in Kolumbien. Dort hatte ich Phoebe und Katja zum Austauschen. Als Rana bis gestern früh noch bei uns war, fühlte sich das alles noch etwas leichter an. Im Land herrscht Unsicherheit und Anspannung.

Vom Auto aus sehe ich eine andere Realität. Menschen, die in unterschiedlichen Ausprägungen von Armut leben, aber auch Kinder, die frei herumlaufen, Fußball spielen. Esel, Pferde und Ziegen, die am Straßenrand und manchmal auch mitten auf dem Weg – sowohl auf den geteerten als auch den Staubstraßen – frei herumlaufen. Einmal auch Kamele. Die weite Landschaft, kaum Gebäude. Viele Menschen, die sich auf von Pferden oder Eseln gezogenen zweirädrigen Gefährten fortbewegen. Ich werden nie wissen, wie es sich anfühlt, so zu leben. Wir sind Gefangene unseres Komforts, sie sind Gefangene ihrer Armut. Das Konzept der einen Menschheitsfamilie entpuppt sich bei diesem Graben zwischen unseren Lebensrealitäten als falsch. Es stimmt nur in Bezug darauf, dass wir alle atmen, lieben, denken und verdauen. Vielleicht würde ich es anders empfinden, wenn ich diese Menschen treffen, mich mithilfe eines Übersetzers mit ihnen austauschen könnte. Doch aus Sicherheitsgründen geht das gerade nicht. Und selbst, wenn es ginge. Was bringt es ihnen?

Mir bringt es eine neue Erfahrung. Ich bin dankbar für all die Geschenke, die das Leben mir macht. Für den Wohlstand, der in meinem Fall ein Maß hat, das mich noch nicht von der Lebendigkeit abgeschnitten hat. Und noch viel mehr für die Bewegungsfreiheit in meinem Alltag in Europa. Ich kann spazieren ohne Angst. Ich kann mich mit Nahrung und Wasser versorgen. Noch. Vielleicht auch bis zu meinem Lebensende. Wer weiß das schon? Meine Omas haben in ihrer Kindheit Hunger erlebt. Meine Opas vielleicht auch, aber mit ihnen habe ich nicht darüber gesprochen. In meinem Kopf ein leichtes Schwindelgefühl wegen der vielen Gedanken. Den Muskel der Zuversicht in mir zu stärken, fällt mir heute wieder schwer.

Vielleicht ist es wichtig, das einfach so zu akzeptieren. Nicht immer diesen Zwang zur Zuversicht in mir ausüben. Nimm den Druck raus, Elisa. Aida hat einmal gesagt, die Menschen in Palästina hätten nicht das Privileg, die Hoffnung aufzugeben und so langsam verstehe ich, was sie damit meint. Verstehen. Das ist wohl das einzige, was mir bleibt als Zweck meiner Lebensreise. Als Ziel. Als Wegweiser. Jeden Tag sehe ich die Welt und mein Wirken in ihr anders. Ich habe viel gelernt. Mitleid entwürdigt Menschen ebenso wie die Lasten, die sie bereits in die Lage bringen, die Mitleid bei anderen wie mir auslösen. Also lerne ich, Anteilnahme, Hinschauen, ohne zu werten. Ich lese ein Buch über Sufismus und eines über die Botschaft von Jesus, bevor die Kirche sie verdrehte.

Es ist ein spiritueller Weg. Und ein spiritueller Weg ist ein persönlicher Weg. Es geht also in meinem Wirken um mich. Punkt. Bleibe bei dir, Elisa.

Was geht in anderen Menschen vor? Heute Nachmittag waren wir bei den Nonnen in dem Dorf, wo gestern wohl jemand ermordet wurde – wir haben erst heute beim Abendessen davon erfahren –, und die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Wo nehmen diese Schwestern die Kraft her? Ich denke, durch ihre Gemeinschaft und ihren Alltag umgeben von Tausend Schülern und Kindergartenkindern. Sie pflanzen auch Gemüse und Blumen an. Die kleinen Dinge des Alltags bieten Halt und Erdung. Mein Leben ist geprägt von Online-Arbeit, Büchern und Nachdenken. Wie absurd.

„Dankbarkeit ist meine Religion“ fällt mir ein. Ja. Die Dankbarkeit. Sie zieht mich immer wieder aus dem Sumpf der Machtlosigkeit und Überwältigung. Ich atme. Ich verdaue. Ich liebe. Und endlich liebe ich wirklich. Einen Mann, der mir hier vor allem heute sehr fehlt. Ich freue mich auf meine Heimkehr nach Mallorca. Ich freue mich auf meine Freiheit und Selbstwirksamkeit dort. Auf meinen Alltag. Und auf den Mann, der mich sieht und mir zuhört. Ein Mann, der wieder ganz andere Realitäten kennt als ich. Ein Mann aus einem anderen Kulturkreis, der von Wohlstand bis kriegerischen Kämpfen und dem Verlust von Liebe und Besitz sehr viel erlebt hat. All diese Erfahrungen machen ihn wohl auch zu diesem tief fühlenden, starken und zugleich sanften Mann, der mich halten kann und sich auch bei mir fallen lassen kann. Ein Geschenk des Lebens. Wieder ein Seufzer.

Ich bin auch dankbar für meine Niedergeschlagenheit. Sie ist das Zeichen, dass mir die anderen Menschen, egal wie fremd sie mir sind, nicht gleichgültig sind. Ich fühle. Auch die unangenehme, kaum erträgliche Ohnmacht. Verluste habe ich bisher nicht. Diesen Schmerz kenne ich kaum. Nur im Ansatz, als Ghosti starb. Und die drei Fehlgeburten und das Muttersein. Als ich einer jungen Frau hier davon erzählte, nachdem sie mich fragte, ob ich Kinder habe, bewunderte sie mich dafür, wie ich damit umgehe. Dass ich versuche, zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann, und dass ich lernte, meinem Leben auch so einen Sinn zu geben. Zu vertrauen, dass für mich eben ein anderer Weg vorgesehen ist.

An Tagen wie diesen erkenne ich nicht recht, was ich beitragen kann. Doch die Erinnerung daran, wie viele Menschen mir mitteilen, dass meine Erkenntnisse und meine Art ihnen guttut, hilft gerade. Vielleicht bin ich auch so genug. Ich würde das jedem anderen Menschen wohl voller Überzeugung auch so bestätigen. Also kann ich auch mir selbst gegenüber sagen: Du bist genug. Sei du selbst und sei gut zu dir. Kultiviere die Liebe in dir, damit du auch anderen – auch wenn sie es gar nicht wissen oder merken – ein wenig Liebe geben kannst, indem du sie einfach wahrnimmst.

Ich bin nicht allein. Ein merkwürdiges wallnussgroßes, dunkelbraunes Insekt krabbelt über den Boden. Erst ein kurzer Schreck. Dann die Erinnerung, dass es auch ein Wesen des Universums ist. Ebenso wie ich. Solange es mir nicht zu nahe kommt, habe ich keine Angst oder keinen Ekel mehr. Und fühle mich fast, als sei es in mein Blickfeld gekommen, um mich daran zu erinnern, dass ich nie alleine bin.