23. September 2043

Achtzig Jahre. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so alt werden würde. Aber wer denkt das schon von sich. Menschen verdrängen gern, dass sie entweder alt werden oder jung sterben. Ist halt beides nicht so prickelnd. Nun bin ich aber doch überrascht, wie schön sich dieses Alter anfühlt. Ich muss nichts mehr erledigen und erlebe jeden Tag als ein Wunder, an dem mich ehemalige Selbstverständlichkeiten in einen wahren Glücksrausch versetzen. Wenn ich zum Beispiel keinerlei körperliche Beschwerden habe. Wenn ich feststelle, wie viel Geselligkeit noch immer in meinem Leben ist. Ich bin heute weniger einsam als in meinen Dreißigern und Vierzigern.

Seitdem ich alle Ansprüche an mich losließ und meine Gedanken immer bewusster in die Richtungen lenkte, wo sie aus ihrer lamentierenden Dauerschleife herausfanden und konstruktiv wirkten, schaffte ich auf einmal mühelos das, was ich mir immer erträumt hatte. Es geschah so schleichend, dass ich es nicht merkte. Deshalb möchte ich der Elisa von damals am liebsten noch rechtzeitig zuflüstern:

Habe keine Angst. Du kannst nichts falsch machen. Du bist auf deinem Weg und nichts und niemand kann dich mehr davon abbringen.

Ja, es gibt Tage, an denen du niedergeschlagen bist wie eh und je. Und du wirst lernen, diese Tage beinahe zu lieben, denn am Ende entpuppen sie sich immer als die inspirierendsten, weil du vor lauter Verzweiflung dann nämlich einfach anfängst zu schreiben oder zu malen. Und wenn du nicht schreibst oder malst, ist das auch okay. Dann sitzt du eben da und bist schlecht gelaunt. Du hast den Mut, die Welt über deinen Tellerrand hinaus so vielschichtig wahrzunehmen, wie sie ist. Ja, da vergeht die Freude an Dingen, die dir einstmals Erleichterung brachten wie Alkohol, Zigaretten und langweilige Abende in irgendwelchen Bars.

Heute bin ich so fit, weil du damals keine Lust mehr hattest auf das ganze Theater. Und dann kamen die spannenden Leute in dein Leben, mit denen du über Kunst und Philosophie sprechen und sogar manche Dinge in der Welt bewegen konntest, die das Leben anderer Menschen erleichtert oder sogar verbessert haben. Die Wirkung deiner Taten ist für dich heute noch unsichtbar, aber ich kann sie mit all dem zeitlichen Abstand und allem, was ich in den Jahren seitdem du diese Zeilen schriebst, gelernt habe, deutlich sehen. Deshalb vertraue immer deiner inneren Führung. Du wolltest ja eh immer erst posthum berühmt werden. Ich kann dir nicht versprechen, ob das etwas wird, und wenn nicht, ist es auch besser so. Wie oft werden die wahren Botschaften von Menschen, die mit einem fühlenden Herzen leben und wirken, im Nachhinein verdreht oder entmachtet.

Wichtig ist nur, dass du lebst. Dass du dir bewusst bist, dass du lebst. Lerne, dich zu entspannen und dem Leistungswahn deiner Zeit zu widerstehen. Das ist deine eigentliche kleine Revolution, die für andere und deinen inneren Kritiker aussehen mögen, wie Faulheit oder Nichtsnützigkeit.

Ich bin glücklich. Altern macht Spaß! Wenn man weiß, wie es geht. Und du wirst wissen, wie es geht. Du liest ja nicht umsonst Bücher ohne Ende. Genieße bitte auch deinen Körper – nicht viele Frauen in deinem Alter und sogar jüngere haben ein solches Glück, mit ihrer Figur und überhaupt ihrem Aussehen zufrieden zu sein. Feiere deine Zufriedenheit mit dir selbst – nur für dich. Andere müssen nicht darum wissen. Unzufriedene Menschen neigen zu Neid. Erkenne ihr Leid hinter der fiesen Fassade. Du kannst das. Du bist nicht zu nett. Wer dich nicht mehr in seinem Leben wünscht, hat seine Gründe. Natürlich darfst du gekränkt sein. Und diese Leute ab nun bescheuert finden. Und auch das wird vergehen. Verbiete es dir nicht. Versuche nicht weiser zu sein als andere. Das wird dir dein Leben enorm erleichtern.

Ich weiß, dass du Zweifel daran hast, jemals mein Alter zu erreichen. Am Ende ist es auch egal, wie es kommt, solange du darauf vertraust, dass die göttliche Ordnung ihre eigenen Gesetze hat und du das Recht hast, glücklich zu sein, bei allem Elend. Ja, es ist sogar deine Pflicht, denn nur aus der Freude heraus, die nach jeder Niedergeschlagenheit kommt wie die Sonne nach dem Regen (heißt es deshalb auch Niederschlag?), kannst du wirklich andere Herzen heilen. Vor allem, indem du den Drang aufgibst, andere Herzen heilen zu wollen. Ich weiß um deine Liebe zu Paradoxen. Deshalb weiß ich auch, dass du diesen Widerspruch verstehst. Trotz allem Verstehen wird dir das mal mehr gelingen und dann mal wieder weniger.

Ich weiß auch nicht, warum ich dir Ratschläge erteile, von denen ich weiß, dass du sie eh nicht befolgen kannst, weil du nämlich auch nur ein Mensch bist. Ein sehr verletzlicher und vielleicht manchmal auch überempfindlicher Mensch, mit der grandiosen Fähigkeit, über dich selbst zu lachen. Achte vielleicht ab jetzt etwas besser auf dich und nimm nicht jede Kritik anderer so ernst. Du wirst schon herausfinden, welche Botschaften für dein Wachstum wichtig sind und deine wahren Freunde, deine immer mehr in die Lebendigkeit und wirkliche Nähe findende Familie und deine geliebte Selbstreflexion werden dich auch immer davor bewahren, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und auch deine treue Niedergeschlagenheit hilft dir dabei.

Freu dich auf das Unbekannte. Krisen werden dich wachsen lassen und dir immer mehr und immer öfter den Nektar der Schaffensfreude bescheren. Es geht im Prinzip so weiter, wie deine ersten vierzig Jahre – mit jedem Jahr wird dein Leben noch erfüllender. Für heute genieße also deine Traurigkeit, denn sie verbindet dich mit den Menschen, die du nicht kennst und die nicht so viel Glück haben wie du in ihrem Leben. Wenigen ist es beschert, im reichen Europa mit all dem Komfort und der Sicherheit zu leben, ohne dass ihre Seele immer tiefer im Konsum und Darstellungs- oder Leistungsdruck vergraben wird. So manchem hilfst du vielleicht dabei, sich selbst freizuschaufeln – und du wirst es nie erfahren. Tu die Dinge nicht, weil sie etwas bewirken „müssen“, sondern weil sie sich für dich richtig anfühlen. So unbeholfen du dich dabei auch anstellen magst. Den Rest überlasse der göttlichen Ordnung, dem Leben selbst.

In Liebe und seliger Gelassenheit,

dein achtzigjähriges Alter Ego