Wonach suchst du eigentlich?

Eines Abends, als die Sonne am Untergehen war und es draußen gerade noch ein bisschen hell war, sahen die Leute Rabia al-Adawia auf der Straße sitzen und etwas suchen.

Sie war schon eine alte Frau, ihre Augen waren schwach, und sie konnte nicht mehr gut sehen. Also kamen die Nachbarn, um ihr zu helfen.

Sie fragten: „Wonach suchst du denn?“

Rabia antwortete: „Diese Frage ist unwichtig. Ich suche – wenn ihr mir helfen könnt, dann helft.“

Sie lachten und meinten: „Rabia, bist du verrückt geworden? Du sagst, unsere Frage ist unwichtig, aber wenn wir nicht wissen, wonach du suchst, wie können wir dir da helfen?“

Rabia erwiderte: „In Ordnung – nur um euch zufrieden zu stellen -, ich suche nach meiner Nadel. Ich habe meine Nadel verloren.“

Sie begannen ihr also bei der Suche zu helfen, doch sofort wurde ihnen klar, dass die Straße sehr groß war und eine Nadel sehr klein ist.

Also fragten sie Rabia: „Sag uns doch bitte, wo du sie verloren hast – die genaue Stelle-, sonst ist es schwierig. Die Straße ist so groß, und wir könnten ewig danach suchen. Wo hast du sie denn verloren?“

Rabia meinte: „Schon wieder eine unwichtige Frage. Was hat das mit meiner Suche zu tun?“

Sie hielten inne und riefen aus: „Jetzt bist du wirklich verrückt geworden!“

Rabia erwiderte: „In Ordnung – nur um euch zufrieden zu stellen-, ich habe sie im Haus verloren.“

Da fragten sie: „Warum suchst du dann hier draußen?“

Worauf Rabia geantwortet haben soll: „Weil hier draußen Licht ist, und drinnen im Haus nicht.“

Ich las diese Parabel in Oshos Buch Intimität – Vertraue dir selbst und den anderen und spürte das dringende Bedürfnis, sie mit euch zu teilen.

Ich musste schmunzeln und fühlte mich ertappt.

Osho weist uns damit auf eine bedeutungsvolle Frage hin: Wonach suchen wir eigentlich?

Die alte Frau wirkt verrückt und zugleich stellen wir fest, dass wir uns nicht anders verhalten. Jetzt können wir darüber lachen oder weinen. Oder uns aber endlich einmal inne halten und uns mit dieser Frage auseinandersetzen.

Osho empfiehlt:

Wenn ihr versucht, es zu definieren, werdet ihr feststellen, dass ihr, je definierter es wird, umso mehr das Gefühl haben werdet, dass es gar keinen Grund gibt, danach zu suchen. (…) Nur eines wisst ihr genau: Ihr müsst suchen. Das ist ein inneres Bedürfnis. Doch ihr wisst nicht wirklich, was ihr sucht. (…)

Es ist vage – ihr denkt, der Schlüssel dazu findet sich in Geld, in Macht, in Prestige, in Respektabilität. Doch dann trefft ihr auf Menschen, die geachtet sind, die mächtig sind und die trotzdem noch suchen. Und ihr trefft auf Menschen, die enorm reich sind und noch immer suchen; bis zu ihrem Lebensende sind sie auf der Suche. (…)

Wenn man beginnt die Suche zu definieren, wird man das Interesse daran verlieren. Je klarer definiert sie wird, desto weniger bleibt von ihr übrig. (…)

Rabia hat Recht. Innen ist kein Licht – und weil innen kein Licht ist und kein Bewusstsein, sucht ihr natürlich im Außen, denn außen scheint es klarer zu sein.

Alle (…) fünf Sinne sind nach außen orientiert. Also beginnt ihr dort zu suchen – wo ihr etwas sehen, fühlen, berühren könnt. Das Licht der Sinne fällt nach draußen, und der Suchende befindet sich im Inneren. (…)

Solange man nicht weiß, wer man ist, ist die ganze Suche vergeblich, weil man den Suchenden nicht kennt. (…)

Man muss die Dinge in der richtigen Reihenfolge angehen. (…)

Das Erste ist also, genau zu wissen, was man sucht. Ich bestehe darauf – denn je mehr man seine Augen auf das Objekt seiner Suche richtet, desto mehr beginnt das Objekt zu verschwinden. Wenn die Augen vollkommen fokussiert sind, gibt es plötzlich nichts mehr zu suchen, und sofort beginnen sich die Augen nach innen zu richten. (…)

Man beginnt plötzlich, sich selbst zu betrachten.

Nun gibt es nichts mehr zu suchen, und es entsteht eine neue Sehnsucht, die Sehnsucht, den Suchenden kennen zu lernen. (Osho, Intimität, S. 22-27)

Also, wonach suchst du?

Ein kleiner Denkanstoß.

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