Was würdest du an ihrer Stelle tun?

Völlig außer Atem betritt Vicky das Café. Hastig sieht sie sich um und verkriecht sich auf einer Sitzbank in der Ecke.

Nur schnell etwas essen, bevor er sie findet.

Kaum hat sie sich gesetzt und atmet für eine Minute durch, entdeckt sie ihn auch schon an einem Tisch am anderen Ende.

Er starrt sie unentwegt an.

Ein kalter Schauer kriecht ihr den Rücken hoch. Sie kann nicht mehr. Würde am liebsten einfach irgendwo liegen bleiben. Doch ihre Angst ist zu groß.

Seit Jahren verfolgt er sie nun schon. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ihre Ruhe hatte. Was will er nur? Er sieht so grauenerregend aus. Seine ganze Aura wirkt wie ein großes schwarzes Loch, das sie verschlingt, sobald er sie zu fassen kriegt.

Wenigstens ist sie hier in der Öffentlichkeit. Da kommt er nicht so einfach an sie heran. Eine unsichtbare Schutzmauer, die ihn von ihr fernhält. Doch niemals lange.

Kaum entspannt sie sich etwas, nachdem sie das Essen heruntergeschlungen hat und nun wenigstens den Kaffee genießen möchte, steht er auf und kommt ganz langsam auf sie zu. Sie braucht gar nicht hinzusehen. Sie spürt es richtig.

Ihre Kehle schnürt sich zu.

Sie krallt sich ihre Tasche, knallt der Kellnerin am Tresen das Geld hin und rennt aus der Tür. Immer weiter. Seit Jahren das gleiche Spiel.

Wann wird der Albtraum ein Ende haben?

Ständig diese Rennerei.

Ich versuche auf sie aufzupassen, doch das ist gar nicht so einfach.

Immer rennt sie vor mir davon. Ich weiß, dass ich keine Schönheit bin. Mein Anblick nicht angenehm ist. Doch würde sie nur einen Moment stehenbleiben und mir zuhören, könnte ich ihr zeigen, dass ich ihr nichts Böses möchte.

Im Gegenteil.

Ich weiß, dass ich sie retten kann. Wenn sie mich nur ließe.

Ich werde sie nie aus den Augen lassen. Manchmal komme ich ihr schon richtig nahe. Doch im letzten Moment ergreift sie wieder die Flucht.

Meistens umgibt sie sich mit Leuten oder dröhnt ihre Sinne mit dem Fernseher zu, damit sie so tun kann, als wäre ich nicht da. Wenn sie sich betrinkt, lässt sie mich an sich heran. Dann bin ich bei ihr. Doch am nächsten Morgen tut sie wieder so, als würde sie mich nicht kennen.

Scheucht mich weg. Verdrängt ihre Erinnerung an unsere gemeinsamen Momente. Sie sind ihr vor anderen Leuten peinlich.

Ich wünschte, sie könnte auch ohne Alkohol ihre Angst vor mir überwinden und würde sich Zeit für mich nehmen. Erkennen, dass ich sie glücklich machen werde.

Wenn sie sich mir hingibt, werde ich sie in meinen starken Armen wiegen und ihr Kraft schenken. Sie mit ihren Wurzeln verbinden und ihr den Weg zeigen. Wenn sie mich kennenlernt, wird sie mich gar nicht mehr so hässlich finden.

Vielleicht müsste ich ihr etwas wehtun, um ihre Wunden zu versorgen und sie endlich zu heilen.

Doch nach dem ersten Schmerz, würde sie sich so wohl fühlen, wie noch nie in ihrem Leben. Wenn die Tränen erst einmal fließen, wird sie befreit und leicht sein.

Wir würden gute Freunde werden und ihr Leben endlich so glücklich, wie sie es sich wünscht. Leider hat sie eine falsche Vorstellung vom Glück. Jemand, der so hässlich ist wie ich, kommt darin nicht vor.

Vielleicht erkennt sie es irgendwann. Ich werde sie jedenfalls nie im Stich lassen und ihr immer folgen.

Mit der Zeit werde ich langsamer. Schließlich schleppe ich ihr ganzes Gepäck. Und es wird immer mehr. Ich brauche immer länger, um sie einzuholen. Desto später sie endlich anhält, desto länger dauert es dann, bis ich wieder bei ihr bin und ich sie umarmen kann.

Doch los wird sie mich nie. Da kann sie so lange rennen bis sie umfällt.

Ich bin ihr treuer Diener. Ein Teil von ihr.

Ich bin ihre unangenehmen Gefühle, die sie seit Jahren wegdrückt.

Als Vicky eines Tages kraftlos zusammenbricht, bleibt sie einfach liegen.

Sie schließt die Augen. Fühlt ihren Herzschlag. Hört die Stille.

Langsam umschlingt er ihre Gedärme. Ein Knoten. Der sich langsam löst. Übelkeit. Dann Tränen. Schreie. Befreiung.

Kein Zeitgefühl.

Als sie sich beruhigt, Dunkelheit und Ruhe. Die Angst ist weg. Sie ist müde und schläft ein. Einen traumlosen Schlaf, warm eingehüllt in Traurigkeit und Geborgenheit.

Warum nur hatte sie solche Angst davor, fragt sie sich.

Ein sanftes Lächeln legt sich auf ihren Mund. Nun ist sie endlich bereit, zu leben.

Sie hört auf zu rennen, bleibt ab und zu stehen und lässt sich von ihm leiten. Er bewahrt sie vor dem falschen Weg, schenkt ihr Ruhe und Kraft, wenn sie Herausforderungen begegnet. Lässt sie wachsen. Ist immer für sie da.

Ihr ganzes Leben lang.

Was tust du, wenn du ihn siehst? Rennst du auch weg? So wie Vicky?

Nimmst du dir nie Zeit für dich, weil du unbewusst fürchtest, dass er dich dann einholt?

Eine kleine Anregung zum Nachdenken.

Sei es dir wert.

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elisa,
    großartig geschrieben und berührend… Zum Glück habe ich schon vor langer Zeit gelernt, dass die Angst sich auflöst, wenn man hinschaut. Es gab Momente, wo das wirklich überwältigend war, was aus meinem Unterbewusstsein auftauchte.Und ich bin mir sicher, es gibt immer noch einiges was dort versteckt in mir schlummert und eines Tages sich in Luft auflösen darf. Immer wieder beeindruckend… Liebe Grüße von Andreas

    1. Lieber Andreas,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Überwältigend ist ein gutes Wort, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich anhält und „ausharrt“.

      Liebe Grüße zurück!
      Elisa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.