Warum meine zweite Fehlgeburt auch ein unglaubliches Geschenk für mich war

Vorab eine kleine Vorwarnung. Dieser Text ist sehr persönlich.

Ich möchte über ein Thema schreiben, das sich unangenehm anfühlt.

Weil ich das Gefühl habe, dass kaum einer weiß, wie er damit umgehen soll. Weder die Frauen, die eine Fehlgeburt erleben, noch ihr Umfeld.

Und weil es eben noch ein Tabu zu sein scheint, obwohl es viel häufiger passiert, als ich dachte. Als die meisten von uns vielleicht denken.

Während ich den Artikel schreibe, schlägt mein Herz bis zum Hals.

Ist es unpassend?

Ist es mutig?

Beides zugleich?

Vielleicht erhoffe ich mir durch das Veröffentlichen dieses Artikels eine gewisse Erleichterung.

Denn dann wissen es eben alle und ich fühle mich nicht mehr, als hätte ich ein Geheimnis, das sich schwer in ein Gespräch einbringen lässt, während ich es einfach ganz natürlich behandeln und darüber sprechen möchte.

Alles begann vor genau drei Jahren.

In Paris. Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, wusste ich nicht, ob ich das Kind behalten sollte. Letztendlich entschied ich mich dafür, auch wenn es sich sehr befremdlich für mich anfühlte, Mutter zu werden.

Ich wollte einfach nur, dass der Alptraum vorbei ist

Ich hatte mit mir zu kämpfen, weil ich mich eben nicht so freute, wie eine werdende Mutter sich doch freuen sollte.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich so langsam an die Idee und streichelte auch mal über meinen Bauch.

Dann ging ich in der neunten Schwangerschaftswoche zum Frauenarzt. Trocken stellte er fest, dass sich der Embryo nicht weiterentwickelte und ich eine Fehlgeburt haben würde.

Als ich vor die Tür trat, hatte ich das Gefühl, der Boden gleite mir unter den Füßen weg.

Ich brach in Tränen aus. Fühlte mich verloren, lächerlich, erschlagen und irgendwie erleichtert zugleich.

Ich hatte die Wahl, abzuwarten, dass eine natürliche Blutung und Schmerzen einsetzten, oder alles im Krankenhaus unter Vollnarkose entfernen zu lassen.

Ohne zu zögern entschied ich mich für die zweite Option. Ich wollte einfach nur, dass der Alptraum vorbei ist und ich nicht länger ein totes Wesen in mir herumschleppe.

Ich begann eine Therapie, die mein ganzes Leben veränderte

Gleichzeitig wurden mehrere Freundinnen von mir schwanger und ich konnte mich nicht für sie freuen. Neid, Schuldgefühle für den Neid und eine Distanz zu mir wichtigen Menschen kamen hinzu.

Ich mied den Kontakt.

Ich zog mich zurück. Tagelang blieb ich im Bett, von wo aus ich auch arbeitete. Manchmal bekam ich einen Weinkrampf, bei dem ich Kummerschreie von mir ließ, wie ich sie noch nie gehört hatte.

Eine Freundin machte sich Sorgen und schickte mir die Adresse ihrer Therapeutin.

Ich ging zu ihr.

Sie schien meine einzige Rettung zu sein, denn ich war das erste Mal in meinem Leben an einem Punkt, an dem ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich aus dem Loch wieder rauskommen sollte.

Ich begann eine Therapie, die mein ganzes Leben veränderte.

Plötzlich hatte diese Fehlgeburt einen Sinn.

Ohne sie, wäre ich nie zu dieser Therapeutin gegangen und hätte nie festgestellt, dass ich eigentlich schon lange leer und depressiv war, mir es eben nur nicht eingestand und es für mich und mein Umfeld hinter einem strahlenden Lächeln versteckte, das mich ganz schön viel Energie kostete.

Ein kleiner Schritt in Richtung meines wahren Selbst

Seitdem lerne ich mich endlich selbst kennen und lieben.

Ich habe herausgefunden, worauf es mir im Leben wirklich ankommt und gehe jeden Tag – auch jetzt, wo die Therapie seit einem Jahr vorbei ist – einen kleinen Schritt in Richtung meines wahren Selbst.

Vor zwei Monaten war ich erneut schwanger.

Dieses Mal freute ich mich darüber.

Ich hatte so viel dazu gelernt und fühlte mich gewappnet für diese Herausforderung ein Kind zu bekommen, die so viele Freunde von mir bereits erleben.

In der siebenten Woche erfuhr ich, dass es wieder eine Fehlgeburt wird.

Als ich bei schönstem Sonnenschein vor die Tür der Klinik in Palma trat, brach ich wieder in Tränen aus. So wie damals in Paris.

Ich lief orientierungslos durch die Straßen und setzte mich vor der Kathedrale auf die alte Stadtmauer und blickte aufs Meer, während ich laut schluchzte. Im Rücken spürte ich die Blicke der vorbeigehenden Menschen.

Es war mir egal.

Ich fühlte mich unwohl mit der Unsicherheit

In einer Nacht- und Nebelaktion flog ich zu meiner Schwester nach Deutschland.

Meinen Freund ließ ich auf Mallorca zurück. Ein Mann weiß eh nicht, wie er damit umgehen soll, dachte ich mir.

Ich ging in Deutschland zum Frauenarzt und bekam Tabletten, die die Fehlgeburt einleiten sollten.

Dieses Mal wollte ich es selbst erleben. Sehen, wie mein Körper damit zurechtkommt. Warum immer gleich operieren? Wobei auch die Tatsache, dass ich in Deutschland nicht versichert bin, eine Rolle spielte.

Ich nahm die Tabletten und nichts passierte.

Ich fuhr ein paar Tage nach Tschechien wandern. Und nichts passierte.

Ich fuhr zu meinen Eltern. Nichts.

Ich fühlte mich unwohl mit dieser Unsicherheit. Als trüge ich eine Bombe in mir, die jederzeit explodieren könnte.

Gleichzeitig fühlte ich mich fit.

So normal. Als wäre das alles nur ein Traum gewesen.

Mein Körper half sich selbst

Heiligabend fuhr ich mit meinen Eltern zu meiner Tante und meinem Onkel.

Es war ein wunderschöner Weihnachtsabend und ich genoss die Zeit mit den Menschen, die ich so liebe und von denen ich so weit weg gezogen bin.

Als wir zu Bett gingen, setzten plötzlich die Blutungen und leichte Krämpfe ein.

Ich war erleichtert und stolz, dass mein Körper sich nun endlich selbst half.

Die Freude meinerseits hielt nicht lange an.

Trotz Schmerzmitteln wurden die Krämpfe mit der Zeit immer unerträglicher und ich verlor so viel Blut, wie ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte.

Damals in Frankreich hatte man mir gesagt, dass ich bei starken Blutungen sofort ins Krankenhaus sollte.

Doch was hieß für die Ärzte stark?

Die lange Fahrt vom Land ins Krankenhaus war die reinste Hölle

Da ich mir dessen nicht sicher war, quälte ich mich sechs Stunden, bis ich schließlich meine Tante und meinen Onkel weckte, während ich beim Anblick meiner Blutlache, die ich überall hinterließ, fürchtete bald in Ohnmacht zu fallen.

Die lange Fahrt vom Land ins Krankenhaus war die reinste Hölle. Ich hörte mich schreien, spürte, wie meine Tante, meine Hand hielt und fühlte mich in einer Parallelwelt aus Schmerzen gefangen.

Wie sollte ich das nur überstehen?

Endlich trafen wir in der Notaufnahme ein. Ich flehte die Schwester an, etwas gegen meine Schmerzen zu tun.

Sie sagte, das könne sie nicht so schnell, denn es seien Wehen.

Wehen.

Hat man die nicht nur, wenn man ein Kind bekommt?

Es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube.

Nach langem Warten, kam ich zur Ärztin. Sie kündigte mir an, dass ich bestimmt operiert werden müsste und machte einen Ultraschall, um zu sehen, wie es um mich stand.

Ich bekam ein unglaubliches Geschenk

Eigentlich sieht es ganz gut aus, hörte ich sie sagen.

Ich brach in Tränen aus. Dieses Mal waren es Tränen der Freude und Dankbarkeit.

Ich war meinem Körper so dankbar, dass er mir zeigte, dass er weiß, was er tut.

In diesem Moment, bekam ich ein unglaubliches Geschenk:

Ich spürte endlich bis in die tiefste Faser meines Seins ein unerschütterliches Vertrauen in meinen Körper und das Leben, das Universum, die Welt, Gott – nenne es wie du willst.

Ich spreche von dieser für unseren Verstand kaum begreifbaren Intelligenz, die allem Leben zu Grunde liegt.

Jede Zelle unseres Körpers besitzt sie, jeder Baum besitzt sie, jedes Luftpartikelchen besitzt sie. Wir besitzen sie.

Genau das spürte ich in diesem Moment in der Notaufnahme.

Ist das nicht paradox?

Unter den größten Schmerzen, die ich je empfunden habe, von tiefer Traurigkeit und Leere erfüllt, weil ich mit leeren Händen aus dem Krankenhaus gehe, während andere Frauen ein Baby im Arm halten, empfand ich es am Ende auch als ein Geschenk.

Ich fühlte das Leben in all seiner Fülle

Als ich die Therapie damals begonnen hatte, war es mein Ziel, mich endlich nicht mehr leer, sondern lebendig zu fühlen.

Nun, bei meiner zweiten Fehlgeburt, stelle ich fest, dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen war.

Ich fühlte das Leben in all seiner Fülle: Traurigkeit, Dankbarkeit, Erleichterung, Hilfsbedürftigkeit, Schmerz, Freude … alles gleichzeitig und auch wieder abwechselnd.

Während ich die Fehlgeburt hatte, brachten zwei enge Freundinnen ihre Töchter zu Welt, eine von ihnen in der gleichen Nacht. Ich bin so erleichtert, dass ich mich dieses Mal mit den beiden freuen kann und der Neid es nicht wieder noch schwerer macht.

Ich freue mich sogar darauf, ihre kleinen Wunder kennenzulernen, was mich ehrlich überrascht, da es beim letzten Mal überhaupt nicht so war.

Sicherlich wird es auch schmerzhaft für mich sein. So ist das Leben. Die Gefühle treten gleichzeitig auf. Es ist eine Fülle.

Dieser Text ist sehr ich-bezogen und hat vielleicht keinen greifbaren Nutzen für dich.

Manchmal ist es vielleicht auch ausreichend, einfach seine eigene Geschichte zu teilen.

Gestern Abend erfuhr ich von einer neuen Freundin hier auf Mallorca, dass ihre Tante vier Fehlgeburten hatte, bevor sie ihr erstes Kind bekam.

Es hilft mir immer sehr, wenn ich lese oder höre, dass es auch anderen Frauen so ergeht. Auch dies bestärkte mich, den Artikel heute zu veröffentlichen.

Lasst uns über alles reden, was uns wichtig ist, und nicht aus Angst vor den Reaktionen der anderen allein vor uns hinleiden.

Sei es dir wert.

3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Vielen Dank, liebe Elisa, dass du etwas so privates teilst. Ich finde es sehr berührend und natürlich auch sehr traurig. Ich wünsche dir von Herzen, dass es beim nächsten Mal klappt. Zwei Prüfungen dieser Art sollten doch reichen.
    Ich empfinde es aber auch als sehr mutmachend zu lesen, wie du dir nach der ersten Fehlgeburt hast helfen lassen und wie du dann mit dem zweiten Mal umgehen konntest.
    Das macht sicher vielen Frauen und Paaren Mut! Aber auch als Mann lässt sich dem viel entnehmen, da man deinen Weg ja auch auf andere Bereiche übertragen kann.
    Vielen Dank! Schön, dass es dir gut geht!

  2. Liebe Elisa,

    ich möchte dir mein Mitgefühl aussprechen. Dein Geschriebenes berührt mich und über das was du erlebt hast, fallen mir keine weiteren Worte ein, und das ist auch gut so.

    Was ich noch sagen möchte ist folgendes:

    Du gibst mit deinem „Brief“ den Frauen, welche auch eine Fehlgeburt erleiden mussten, aber auch denen die Angst vor einer Fehlgeburt haben, sicherlich das Gefühl, dass sie nicht alleine sind und dass sie Jemand versteht.

    In deinem Beitrag steck außerdem so viel Trost und auch Mut. Denn gerade zum Schluss blüht dein Text in Glück und Hoffnung auf.

    Und auch Männern kann dein Geschriebenes nützlich sein. Er könnte ihnen dabei helfen, mit ihrer schwangeren Freundin/Frau mitzufühlen und für sie emotional „da zu sein“; gerade auch dann, wenn die Worte fehlen und das Band des Schweigens nicht gebrochen werden kann.

    Ich selbst habe das Glück, mit einigen Freunden sehr offen, ehrlich und direkt reden zu können. Doch dieser Artikel hat mir auf beeindruckende Weise vor Augen geführt, wie stark die Wirkung von !geschriebenen! Worten sein können; wenn sie schonungslos ehrlich und persönlich mitfühlbar sind, genau so, wie hier.

    Deshalb glaube ich an Dich und an Flohbair.

    Liebe Grüße
    Orkan

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