So lernte ich in 26 Minuten, wie einfach es sein kann, auf mein Herz zu hören

Wie gelähmt sitzt Max gedankenversunken Ewigkeiten an der Straßenbahnhaltestelle.

Der stinknormale Durchschnittsehemann aus Ostdeutschland wurde soeben gefeuert und versinkt in der Midlife-Crisis. Bis ein dicker Mann von den Verkehrsbetrieben ihn aus dem Wartehäuschen „schmeißen“ möchte und sein Blick auf ein Transparent am Gebäude gegenüber fällt:

Fitness- und Kampfsportstudio Niekisch/Zentrum für Realistische Selbstverteidigung.

Er geht auf das Haus zu. Es gibt ihm Hoffnung. Erinnert ihn daran, dass er sich zur Wehr setzen kann. Aus seiner aktuellen Wirklichkeit austreten kann.

Er tritt ein. Und trifft sie. Nancy!

Ein Wesen aus einer anderen Welt, das Sätze sagt wie:

„Wenn Sie Probleme haben, dann machen Sie erstmal Kniebeugen!“

Max fühlt die Wirkung. Nancy hat Recht. Es geht ihm wirklich besser. Ich fühle, wie Max mich ansteckt.

Plötzlich lege ich von einem mir seit Monaten unbekannten Elan gesteuert das äußerst unterhaltsame Buch von Stefan Schwarz zur Seite, ziehe meine Laufschuhe an, lege meine Sportuhr um und laufe los. Ohne Ziel. Ohne Vorgabe.

Die Straße runter zum Hafen. Rechts um die Ecke. Im Slalom durch die Touristenmassen, die dieses Jahr über die Insel herfallen. Am Meer entlang. Endlich mal eine frische Brise. Die Sonne geht unter. Mal wieder.

Irgendwann, nach ungefähr 13 Minuten, halte ich an. Gehe. Genieße den Spaziergang, das Gefühl meines knallroten Gesichts, des Blutes, das nun schneller durch meine Adern zu strömen scheint.

Auf dem Rückweg treffe ich Mik. Ein kleiner, langhaariger, Bassgitarre spielender Belgier, der mal Profisportler war. Jetzt hat er bei mir um die Ecke eine Bar. Wir kommen ins Gespräch.

Er gibt mir Tipps, wie ich am besten Fett verbrennen kann. Bin ich fett? Wieso glaubt er, dass ich Fett verbrennen will?

Wir setzen uns in eine Bar. Ich trinke ein kaltes, erfrischendes Bier. Estrella Galicia aus der Flasche.

Ganz in seinem Element schreibt er mir eine Gleichung auf einen Notizzettel und wir ermitteln die optimale Herzfrequenz für meine Fettverbrennung. Obwohl ich nicht deshalb rennen gehe, höre ich interessiert zu.

Wenn ich mein Herz schon sonst so nicht so gut verstehe, denke ich mir, kann ich ihm ja wenigstens in diesem Bereich mein Gehör schenken. Die Pulsuhr übersetzt.

Als Frau habe ich aus Prinzip schon nichts gegen Fettverbrennung. Ich beschließe von nun an auf meinen Puls zu achten und diesen zwischen 125 und 144 Schlägen pro Minute zu halten. Am nächsten Abend probiere ich es aus.

Leichter gesagt als getan. Mein Herz stellt Ansprüche.

Kaum jogge ich locker flockig die Straße herunter, schlägt mein Herz sofort mit 173 Schlägen pro Minute Alarm. Also laufe ich langsamer. 160 Schläge. Noch langsamer 155 Schläge. Ich hopple nun so langsam vor mich hin, dass Spaziergänger mich genervt überholen.

Mir doch egal. Ich fühle mich wie Max, der wie ich weiter las, von Nancy inzwischen im Entengang durch das Fitnessstudio gescheucht wird.

Irgendwie bescheuert, aber von einer gewissen Leichtigkeit und Belustigung erfüllt. Ich habe das Gefühl durch meinen albernen Laufstil die Wirklichkeit zu verlassen und wie die verrückte Phoebe aus Friends in meiner eigenen Welt, im Einklang mit mir und meinem Herzen gen Horizont zu laufen.

In dem Tempo halte ich sogar problemlos 26 Minuten durch. Da ich so langsam laufe, lasse ich meine Arme locker hin und her hopsen, wechsle die Fußposition von Abrollen über den Fußballen zu auf Zehenspitzen hoppeln.

Es macht Spaß. Die Konzentration auf die Herzfrequenz macht jedes Grübeln und Nachdenken unmöglich. Ich bin im Hier und Jetzt.

So einfach kann es sein auf sein Herz zu hören.

Wenn du dein Herz auch nicht so gut hörst, schnapp dir eine Pulsuhr oder lauf einfach so langsam, dass du fast umfällst und raus in den Park.

Sei es dir wert.

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