Kannst du auf diese Frage antworten?

„Wie fühlst du dich?“

a) „Hm. Ich weiß es nicht. Gut? Normal?“

b) „Ach lass mich doch in Ruhe mit deinem Psychogefasel!“

c) „Elisa, du denkst zu viel nach. Ich habe keine Zeit für solche Spielchen.“

d) „Gute Frage. … ?“

Das sind so die häufigsten Reaktionen auf diese kleine Frage.

Reaktionen anderer Menschen, denen ich sie stellte, aber auch meine eigenen Reaktionen. Es ist gar nicht so einfach, auf diese doch so simpel erscheinende Frage zu antworten. Manche Menschen macht sie beinahe wütend.

Warum?

Weil unsere Gefühlswelt sehr komplex ist? Weil wir unsere Gefühle ständig wegdrücken, da sie unpassend sind? Weil uns als Kind auch nie jemand gefragt hat, wie wir uns fühlen und wir somit nie gelernt haben, den Zugang zu unserer Gefühlswelt zu erhalten, mit dem wir geboren wurden?

Als Kinder lernen wir leider eher, dass unsere Gefühle bewertet werden. Sind wir traurig, wird uns eingeredet, dass wir keinen Grund dazu haben, da wir ja in einem reichen Land leben und so viele tolle Spielsachen haben.

Wir lernen, dass wir uns für „unangebrachte“ Gefühle schlecht fühlen sollten und diese nicht haben dürfen.

Das ist gang und gäbe. Und gleichzeitig völlig absurd.

Denn jeder Mensch weiß, dass Gefühle sich nicht kontrollieren lassen.

Also ist es wichtig, umzulernen.

Wenn ein Mensch etwas fühlt, sei es Traurigkeit, Wut oder überschäumende Freude und du verstehst nicht, was genau die Ursache oder der Auslöser ist, dann vertraue dennoch darauf, dass es für jedes Gefühl einen guten Grund gibt, ob wir ihn mit unserem begrenzten Verstand nun nachvollziehen können oder nicht.

Vielleicht ist ein Kind traurig, weil ihm niemand zuhört und es das Gefühl hat, zu stören. Vielleicht ist es traurig, weil es spürt, dass seine Mutter traurig ist, obwohl diese mit einem festgefrorenen Lächeln versucht, sich selbst und ihre Mitmenschen vom Gegenteil zu überzeugen.

Natürlich ist das wahrscheinlich bei jedem Menschen etwas anders, doch viele scheinen, wenn Sie in sich hineinsehen nach so vielen Jahren der weggedrückten Gefühlswelt den Eindruck zu haben, da hätte jemand das Licht ausgeknipst.

Wir sehen nichts.

Es ist dunkel.

Doch so, wie sich Augen mit der Zeit an die Dunkelheit gewöhnen und immer mehr sehen können, so können wir durch häufiges „In-uns-hineinschauen“ vielleicht nach und nach mehr in unserem Inneren erkennen.

Um uns lebendig zu fühlen, müssen wir den Zugang zu unseren Gefühlen wieder erlernen und den Kopf da raushalten können.

Sprich, wir können es üben. So oft wie möglich, es kann ein neuer Reflex werden.

Praktisch dabei ist, dass dieses Üben überall und jederzeit möglich ist, egal, ob du 14 Stunden am Tag arbeitest, Kinder versorgen und beschäftigen musst, krank im Bett liegst oder was auch immer.

Frag dich einfach ab und zu (in der U-Bahn, bei der Autofahrt, beim Warten an der Supermarktkasse, beim Abwaschen, beim Mittagessen …) aufrichtig und neugierig „Wie fühle ich mich gerade?“.

Dabei kommt man sich natürlich erst einmal etwas lächerlich vor, da wir es nicht gewöhnt sind. Dann fühle dich eben bewusst lächerlich, während du das machst.

Ich habe diese Übung im Rahmen meiner Therapie angefangen und lag somit eines Tages auf einem Liegestuhl auf meiner Terrasse und stellte mir die Frage: „Wie fühlst du dich, Elisa?“

Mein Kopf reagierte sofort und sagte mir: „Gott, du bist echt peinlich. So weit ist es jetzt schon mit dir gekommen. So ein Blödsinn. Was soll denn das bringen?“

Da ich nichts weiter zu tun hatte und auch nichts zu verlieren – denn zu der Zeit zerfraß mich ständig die Erkenntnis, wie sinnlos sich unser Leben in diesem System anfühlt und, dass ich das nicht aushalte und auf keinen Fall aushalten möchte – probierte ich es trotzdem.

Ich blieb liegen, stellte mir immer wieder die Frage und wartete ab. Um nicht wieder in meine Gedanken zurückzufallen, beobachtete ich meine Füße, meine Hände, fühlte meinen Magen … und es geschah … nichts.

So ist das eben, wenn man es nicht damit vertraut ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Der Mensch in uns ist ja überhaupt nicht daran gewöhnt, dass wir uns für ihn interessieren. Also ist er vielleicht beleidigt, da wir ihm nie zugehört haben und ständig wegdrückten, wenn er uns etwas mitteilen wollte.

Wir müssen sein Vertrauen erst wieder gewinnen, indem wir am Ball bleiben und Geduld haben.

Also wiederholte ich diese Übung jeden Tag und legte mich mindestens eine halbe Stunde ohne weitere Ablenkung auf die Terrasse und stellte mir diese Frage.

Nach einigen Wochen begann ich öfter Übelkeit zu spüren, die sich nach ein paar Stunden in einen Weinkrampf verwandelte.

War das die Folge meiner Übung?

Ich denke schon.

Das Unpraktische dabei war, dass meine Gefühle sich nicht etwa Ausdruck verschafften, wenn ich die Übung machte und allein war, sondern in den unpassendsten Gelegenheiten: in einer Bar mit meinem Freund und seinen Freunden oder beim Überraschungsbesuch bei meiner Familie in Deutschland, die mich geschockt und hilflos anstarrten. Tolle Überraschung! Eine weinende Elisa vor der Tür.

Für unser Umfeld ist das nicht angenehm.

Für mich selbst war es aber befreiend und vor allem besänftigend. Meine Gedanken belästigten mich nicht mehr so sehr wie zuvor, indem Sie ständig auf mich einplapperten und mich kritisierten.

Komischerweise besänftigten diese merkwürdigen Situationen auch die Menschen um mich herum nach einer Weile und stellten eine Art Verbindung zwischen uns her, die für ein paar Augenblicke andauerte.

Da wusste ich, dass es genau das ist, was ich möchte, was LEBEN und LIEBEN für mich heißt.

Wenigstens ab und zu diese wahre Verbindung zu anderen und vor allem zu mir selbst spüren können.

Auch heute kann ich nie in dem Moment auf die Frage antworten, wo sie mir gestellt wird.

Dazu empfinden wir vielleicht auch zu viele Sachen auf einmal. Traurigkeit über den Mangel an Liebe in der Welt, Vorfreude auf das Mittagessen, Wut über unseren Partner, tiefe, bedingungslose Liebe zu unserer Katze …

All das empfinden wir ja gleichzeitig. Nur unser Bewusstsein kann sie nicht gleichzeitig wahrnehmen, da es davon völlig überfordert ist.

Es geht also nicht darum, beschreiben zu können, was wir fühlen, sondern es einfach nur zu fühlen.

Still zu sitzen, zu liegen oder zu stehen und bewusst zu fühlen.

Die Frage ist quasi nur das Eintrittstor, das uns hilft dieses abstrakte Fühlen einzuleiten …

Ist das verständlich, was ich hier schreibe oder sitzt du gerade da, und verstehst nur Bahnhof?

Zusammenfassend würde ich sagen:

Uns selbst mehr Aufmerksamkeit zu schenken, ist der erste Schritt zur Selbstliebe.

Also nimm dir diese Zeit für dich selbst und lerne dich und deine Gefühlswelt nach und nach kennen. Wichtig dabei ist, dass du es jeden Tag regelmäßig machst, um dir selbst näher zu kommen.

Es gibt dabei auch kein präzises Ziel.

Diese Aufmerksamkeit auf sich und seine Gefühle muss immer kultiviert werden, damit du dich nicht wieder von dir entfernst. Wie bei einem Marathontraining. Wenn du den Marathon geschafft hast und mit dem Training aufhörst, wirst du ihn nicht noch einmal schaffen.

Sei es dir wert.

 

5 Kommentare, sei der nächste!

  1. Excellent – im Stil und auch Inhaltlich.
    Trotz – DEM:
    „Man“ merkt (Gott sei`s gedankt…) dass ein Menschenwesen dies geschrieben hat…
    z.B. ist mir aufgefallen, dass in einem mittleren Abschnitt das Wörtchen „MUSS“ / „MÜSSEN“
    („…müssen üben, muss eine neuer Reflex werden usw…. )
    …. zu oft vorkommt…. ich empfand da eine leichte Abneigung beim Lesen, weil….es mir nicht passt, wenn jemand mir von vornherein sagt, „nur so, sonst geht’s nicht“…. als Vorschlag, Angebot oder Empfehlung formuliert wäre es „etwas leichter verdaulich“…

    Sei lieb gegrüßt, vom „Kritiker vor dem Herrn“ und „dem, der mit dem Elch wandert“

    „SENOR Miguel – Paolo- DAVIDOS GRACIAS“

    1. Lieber „Señor Miguel“, haha,

      danke für dein Lob und deine Kritik. Ich verstehe, dass das müssen hier leider ein zu negatives Wort ist, das eine abschreckende Wirkung besitzt. Vielleicht sollte ich stattdessen sagen, es ist unverzichtbar, sich selbst zu lieben, um auch andere zu lieben. Klingt das besser? Mir ist wichtig, dass die Wichtigkeit der Selbstliebe endlich von den Menschen erkannt wird. Deshalb dieser Diktatorton, haha. Das ist wohl meine Art. Vielleicht werden meine Artikel mit der Zeit sanfter, wenn mein Frust über die Lieblosigkeit vieler (der meisten?) Menschen im Umgang mit sich selbst durch das Rausschreiben etwas abgeklungen ist. Manchmal fühle ich mich, als wäre ich Zuschauer in einem Kinofilm, in dem ein Mensch seine Brille (das Glück = die Liebe) sucht und sie auf dem Kopf hat. Doch er sucht stundenlang weiter und ich werde als Zuschauer fast wahnsinnig, wie wenn sich in amerikanischen Horrorfilmen die Grüppchen in einem dunklen Haus trennen, um nach dem Mörder zu suchen … Naja. Ich werde auf jeden Fall im nächsten Artikel darauf achten, wie viel „muss“ und „müssen“ ich meinen Lesern da vor die Nase klatsche. :)

      Liebe Grüße
      Elisa

      1. Genau so ist es. Dem ist auch aus meiner Sicht nun nichts mehr hinzuzufügen.
        Ich m u s s jetzt zur Arbeit und m u s s meine u n v e r z i c h t b a r e Selbstreflektion, welche ich seit 57 Jahren mehr oder weniger gut übe weiter kultivieren….
        Ah, dabei fällt mir doch noch eine Frage ein: „Weißt Du – oder hast Du eine Vorstellung – wie kleine (!) Kinder es bewerkstelligen, dass sie – scheinbar ohne bewusst durchgeführte Innenschau doch so oft so glücklich sein können…? Gibt es für Kinder doch andere und bessere Möglichkeiten zur Selbstliebe zu gelangen – zumindest wenn sie klein sind ….und hast Du eine Ideee, warum wir Erwachsenen dies immer mehr verlernt haben..?

        Senor Miguel :)

  2. PS: …die Fotos sind herrlich(!)…. Senor „Ghosti“ macht einen sehr „buddhistischen – ausgeglichenen“ Eindruck….

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