Innenleben – so einfach kann es sein

Sophia liegt neben mir auf dem Steg.

Versucht mit einem Schilfstock die Fische anzulocken. Vor uns die dunkelgraue Wasseroberfläche des Sees. Mit silberschimmernden Wellenmustern vom sanften Wind, der das hohe Schilf um uns herum zum Rauschen bringt.

Schwere Wolken hängen vom grauen Himmel herunter. Es ist warm. Ziehe das T-Shirt aus.

Nach über zehn Jahren bin ich wieder hier. Am See meiner Kindheit. Wo Opa mir das Schwimmen beibrachte. Oder besser gesagt aufzwang, indem er die Luft aus meinem Schwimmreifen ließ.

Jetzt sitze ich hier. Mit dreiunddreißig Jahren. Auf einem Plastestuhl am anderen Ende des Sees, gegenüber von dem Ufer, wo wir früher waren. Auf dem Zeltplatz, den ich als kleines Mädchen aus der Ferne sah.

Meine Nichte ist schon vierzehn. Eine sanfte Brise streichelt mein Haar. Der Lauf der Zeit. So abstrakt und doch so real.

Wir schweigen. Das ist selten. Dass meine Teenager-Nichte einfach mal nichts macht. Nichts sagt. Einfach am Seeufer sitzt und die Fische beobachtet.

Sie wird sich denken, es ist selten, dass meine Tante neben mir sitzt und nichts sagt. Denn ich rede so gut wie immer. Oder stelle Fragen und bringe sie zum Reden.

Sie schnappt sich ihr Smartphone, das treu wartend neben ihr auf dem Holzsteg liegt, und steht auf. Man muss es ja nicht übertreiben mit dem Nichtstun und Nichtssagen. Noch ein Küsschen für die Lieblingstante und weg ist sie.

Jetzt sitze ich allein hier. Lächle vor mich hin. Eine Libelle flattert um mich herum. Absolute Stille.

Der Kiefernwald um den See. Er ist da. Wie eh und je. Unverändert.

Der gleiche Geruch nach sandigem Waldboden. Die hohen Baumkronen wiegen knarzend und rauschend im Wind. Ich liebe dieses Geräusch. Ab und an höre ich einen Lkw über die Landstraße vorm Zeltplatz brettern oder ein Flugzeug so weit oben im Himmel, dass ich es nicht sehe.

Kleine Erinnerungen, an die Zivilisation und den Luxus, den sie uns bietet. Ich liebe die Welt gerade so wie sie ist. Wie ich sie erlebe.

Ich entdecke eine Seerose vor mir im Wasser. Der Wind wird stärker. Das Schilf schwingt sachte hin und her. Die Sonne bricht für einen Augenblick durch die Wolken, bringt die Wasseroberfläche zum Glitzern.

Ich fühle mich ganz. Als hätte ich hier in den Wäldern und Seen Brandenburgs den Geist meiner Kindheit wieder aufgesogen und mein Selbst zu seinem ursprünglichen Kern zurückgeführt.

Kein Grübeln. Kein Imkreisdenken. Einfach sitzen. Beobachten. Fühlen. Genießen.

Die Libelle steuert unbeholfen auf mich zu. Schwirrt kurz vor mir herum, kracht an meinen Oberarm und landet auf der Armlehne. Starrt mich an. Ich starre zurück.

Ist es überhaupt eine Libelle? Sind Libellen nicht blau? Meine neue Freundin ist hellgrün und braun. Sie bleibt neben mir sitzen.

Ich bin ganz gerührt von ihrer Gesellschaft. Wir machen ein Selfie zur Erinnerung.

Mir ist warm. Ich springe jetzt in den frischen See. Aus dem Kopf raus in die Natur, wo alles seinen Gang geht.

Ganz einfach. Das Leben ist schön.

***

Ich schrieb diesen Text als Teil meines öffentlichen Journaling-Experiments vor drei Tagen, als ich noch mit meiner Familie auf dem Zeltplatz im Spreewald war, wo wir weder Internet noch Handynetz hatten. Eine Wohltat.

Gönnst auch du dir ab und zu so eine kleine Auszeit? Allein, mit Freunden oder der Familie?

Sei es dir wert.

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hi,

    ich bin ein neuer Leser deines Blog und finde deine Beiträge die ich bisher gelesen habe
    sehr interessant und spannend.
    Da ich selbst im Spreewald wohne, an welchem See warst du denn ?

    LG Rico

    1. Hallo Rico,

      ich war am Grubensee bei Limsdorf in der Nähe von Beeskow.

      Danke für dein liebes Feedback!

      Liebe Grüße in den wunderschönen Spreewald!
      Elisa

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