Im Alleingang – ein Wandertag

Samstag. 8.13 Uhr.

Der Wecker klingelt. Ich schalte ihn aus, öffne die Vorhänge einen Spalt und beschließe im Bett zu bleiben. Es regnet.

10.23 Uhr krieche ich vorsichtig aus den Laken und fühle mich unruhig. Nun habe ich nach ewigem Aufschieben und Ans-Wandern-Denken endlich den Entschluss gefasst, heute, und wirklich heute, loszumarschieren und es regnet.

Scheiß drauf, denke ich mir und packe die Wanderschuhe ein und schnappe meinen Rucksack. Erst einmal gönne ich mir ein spanisches Frühstück auf dem Dorfplatz. Tostada con queso und Cafe Americano. Auch wenn mein Kopf noch überlegt, ob ich nun trotz schlechtem Wetter losfahren soll, steht mein Entschluss eigentlich schon fest.

Ich zahle und gehe bestens gelaunt zum Auto. Los geht’s. Auf in Richtung Tramuntana-Gebirge. Es ist 11.19 Uhr. Da es bis 20 Uhr hell ist, stehe ich ja nicht unter Zeitdruck.

Desto näher ich den Bergen komme, desto besser wird meine Stimmung. Es regnet auch kaum noch. Die Warnschilder am Straßenrand, die darauf hinweisen, dass wegen des 312km-Radrennens von Mallorca die Straße gesperrt ist, ignoriere ich vertrauensvoll.

Anscheinend kann nichts meinen Entschluss heute wandern zu gehen, erschüttern.

Letztendlich stehe ich eine Stunde im Stau und sage mir, dass ich ja im schlimmsten Fall nach einer Weile im Wald einfach umkehren kann, falls ich merke, dass ich es zeitlich nicht schaffe.

Zumal ich gar nicht weiß, wie lange die Wanderung dauern soll. Micha, der Freund, der gemeinsam mit einem anderen Freund vor kurzem das ganze Tramuntana-Gebirge überquerte, hat mir diese Etappe empfohlen und sogar seine Wanderkarte dagelassen.

Dummerweise hatte ich vergessen zu fragen, wie lange sie denn dauert.

Das wird schon, denke ich mir und stiefele um 12.40 Uhr vom Parkplatz des Hotel Encinar an der Landstraße zwischen Valldemossa und Deia los. Endlich im Wald. Ganz allein. Äußere Waldruhe und innere Aufregung verbinden sich zu einem wohligen Gefühl der Gegenwärtigkeit.

Da ich den Maßstab der Karte völlig falsch einschätze, verlaufe ich mich direkt nach 20 Minuten ein erstes Mal und muss alles, was ich nach unten gehoppelt war, wieder bergauf kriechen. Macht nichts, denke ich mir, alles Training für die Alpenüberquerung, die ich mit meinem Vater im August machen möchte.

Zurück auf dem rechten Weg geht es nun nur noch steil nach oben. Eine Stunde lang.

Meine Beine beginnen zu ziehen. Mein Gesicht glüht und ich schwitze, während die Luft frischer wird und Wind aufkommt. Nach 1,5 Stunden eine erste Pause mit einer Aussicht, die mich einnimmt und sprachlos macht.

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Ich setze mich ein paar Minuten und genieße den Augenblick, lausche dem Wind, tauche in das Alleinsein inmitten dieser gewaltigen Natur ein.

Beflügelten Schrittes geht es weiter.

Noch ein Stück weiter hoch. Ich bin froh, dass ich vorher nicht ahnte, dass ich bis ganz nach oben gehen würde. Doch da stehe ich nun.

Ganz oben. Wahnsinn. Rechts sehe ich Palma und kann sogar die Insel Sa Cabrera im Süden Mallorcas, also mindestens 60 km weit entfernt, klar erkennen. Links geht es steil nach unten und auch hier säumt das Meer meine neue kleine Welt.

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Seit drei Stunden habe ich keine Menschenseele getroffen. Ich fühle mich in einer anderen Welt.

Voller Energie stolpere ich sicheren Schrittes über den steinigen Kammweg und komme aus dem Staunen und Ooohh und Aaaahh denken nicht heraus. Vielleicht rief ich es sogar, anstatt es nur zu denken.

Wenn man so allein geht, macht es keinen Unterschied mehr, ob man denkt oder mit sich selbst spricht. Doch ich bin nicht ganz allein. Schafe, Lämmchen und Ziegen teilen diese wunderbare, andere, ruhige Welt in den windigen Höhen Mallorcas mit mir.

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In meinem Höhenrausch unterschätze ich erneut die Entfernungen und schreite gedankenverloren und von einem tollen Anblick zum nächsten blickend einfach immer weiter.

Eine Wolke kriecht die Berge hinauf. Nach einer Weile der Zeitlosigkeit kommen mir zwei Wanderer entgegen.

Ich frage das deutsche Wanderpärchen, ob sie aus Deia kommen, um zu erfahren, wie viele Stunden ich noch vor mir habe. Doch sie antworten, dass auch sie nach Deia möchten. Oh. Da stimmt wohl etwas nicht. Sie sagen mir, dass ich bereits zu weit gegangen sei.

Also laufe ich ihnen jetzt einfach hinterher. Die Wolke ist inzwischen um uns herum und wir sehen so gut wie gar nichts mehr.

Ich bin froh, die beiden getroffen zu haben. Gleichzeitig wundert es mich nicht. Ich spüre ein solches Vertrauen in die Welt und das Leben, dass es mir nur logisch erscheint, dass wir uns jetzt treffen. Denn auch sie brauchen mich, da ich den Weg ja noch bei klarer Sicht gelaufen bin und somit weiß, wo es langgeht und ab wo wir nach der Abzweigung Richtung Deia suchen müssen.

Eine Win-Win-Situation quasi, wie man heute so sagt.

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Micha und Klaus, die mir diese Wanderung empfahlen, hatten mir vorgeschlagen noch einen Schlenker bis zu einem Gipfel zu machen und dann wieder zurück zur Abzweigung nach Deia zu gehen. Dies hatte ich für mich ausgeschlossen, da ich mir sagte, dass ich es ja nicht gleich übertreiben muss.

Nun gehe ich, ohne dass ich es in meinem Rausch gemerkt hatte, sogar ein zweites Mal über den Gipfel zurück zur Abzweigung. Es erstaunt mich, wie unerschütterlich meine gute Laune und wie unerschöpflich meine Energie heute ist.

An der Weggabelung, die zu meiner Verteidigung tatsächlich nicht sehr gut erkennbar ist, sammeln wir noch eine verlorene Schweizerin ein, die im Nieselregen und Nebel mit ihrer Karte kämpft und auch nach Deia möchte.

Endlich auf dem richtigen Pfad, doch noch immer ohne jegliche Sicht, tasten wir uns vorsichtig über die rutschigen Felsen bergab. Ich warne die anderen vor, dass an einer Stelle ein rot-weißes Kreuz aufgemalt sein muss und dass wir dort auf keinen Fall weitergehen, sondern nach links biegen müssen.

Vor dieser Stelle hatten Micha und Klaus mich eindringlich gewarnt.

Ich sehe das Kreuz nicht. Nach einer Weile frage ich die anderen, ob wir noch einmal auf die Karte sehen sollten. Dann stellt sich heraus, dass Claudia, die deutsche Frau von dem deutschen Pärchen, das Kreuz gesehen hatte, aber dachte, wir sollen dann nicht nach links, sondern geradeaus gehen.

Also steigen wir die paar Meter wieder auf und ich freue mich, dass ich nachgefragt habe. Zusammen bilden wir bei diesem Nebelchaos ein perfektes Team.

Wir finden die besagte Stelle innerhalb weniger Minuten und begeben uns nun ruhigen Gewissens auf den richtigen Abstieg. Nach und nach wird die Sicht klarer. Meine Knie beginnen zu schmerzen und irgendwie fühlt sich das gut an. Nach Abenteuer und Leben.

Die Schweizerin geht langsam in ihrem Rhythmus und so gehen wir wieder zu dritt weiter und quatschen dabei ununterbrochen. Auch das ist schön. Eine so unverhoffte Begegnung und dann auch noch mit Menschen, mit denen man sich viel zu erzählen hat.

Die beiden sind Ärzte. Sie für Psychiatrie und Psychosomatik und er Lungenarzt.

Ich erzähle von meiner Weltsicht, meiner Therapie und von dem, was ich dabei gelernt habe und frage sie nach ihren Ansichten zu den Themen Eigenverantwortung und Gesundheitssystem. Wir sind uns einig und sie bereichern meine Vorstellung um zwei Profi-Ansichten, da sie jeden Tag hautnah im Beruf Erfahrungen sammeln.

Manchmal frage ich mich wirklich, ob solche Begegnungen Zufall oder doch so eine Art Bestimmung sind. Eine Antwort brauche ich nicht.

Am Ende schreiten wir durch dschungelartige Gras- und Waldlandschaften und kommen im schönsten Sonnenschein um 19 Uhr in Deia an.

Wir verabschieden uns herzlich. Die beiden gehen zu ihrem Refugio und ich suche die Bushaltestelle, um zu meinem Auto zurückzukommen. 19.30 Uhr kommt der nächste Bus. Auch hier habe ich wieder Glück, denn der Bus fährt nur alle drei Stunden und dieser ist der letzte für heute.

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Mein erster Wandertag im Alleingang neigt sich dem Ende und ich habe zwei wichtige Erkenntnisse:

  • Ab dem Moment, wo ich alle Hürden (Regen, zu später Aufbruch, Stau) überwunden habe und trotz allem vertrauensvoll losgewandert bin, fügte sich alles auf beinahe magische Weise.
  • Ich muss unbedingt lernen, eine Wanderkarte für Gebirge richtig zu lesen, da die Entfernungen aufgrund der Höhenunterschiede ja nicht zweidimensional dargestellt werden können.

Diese erste Wanderung im Alleingang wird also auf keinen Fall die letzte sein.

Danke an Micha und Klaus, die mich dazu ermuntert und beinahe eindringlich darauf bestanden haben, mein Vorhaben vom Wandern endlich in die Tat umzusetzen. :)

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4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Danke für diesen Einblick, liebe Elisa!
    Toll, dass du es trotz allen Umständen angegangen bist! Ich teile deine Einstellung – es kommt wie es kommen soll, erlebe ich auch ganz oft.
    Ich bin heute einen kleinen Teil der Via Sacra nach Mariazell gegangen – mit Baby im Tragetuch ;). Demnächst möchte ich eine 4-Tages-Tour von Westniederösterreich nach Mariazell pilgern und einer meiner großen Träume ist der Jakobsweg wenn die kids größer sind. GEHEN hat etwas wahnsinnig Meditatives und Klärendes, ich liebe es und bewundere deinen Mut, dich auch mal alleine aufzumachen!
    Schöner Blog!
    Alles Liebe,
    Manu

    1. Liebe Manu,

      vielen Dank für deinen Kommentar! :) Ich kann es nur empfehlen, einfach mal loszugehen. Ich finde auch, dass das Gehen, eigentlich egal wo, aber lieber natürlich an einem ruhigen und schönen Ort, etwas sehr Beruhigendes hat. Mit einem Baby im Tragetuch ist das natürlich auch eine tolle Herausforderung und bestimmt sehr anstrengend, oder?

      Liebe Grüße aus Mallorca, liebe Manu!
      Elisa

  2. Sehr interessiert habe ich diesen Beitrag gelesen. Wie oft gehe ich alleine wandern, kenne aber auch die Hindernisse, die man manchmal erst überwinden muß. Aber wenn man erst unterwegs ist, schleicht sich das Glück von hinten an. Deine Erfahrung mit dem Nebel hat mich an eine Wanderung erinnert, die ich mal alleine auf Teneriffa gemacht habe. Mitten im dicksten Nebel habe ich im Gebirge jemanden getroffen und habe im Nachhinein gemerkt, wie dicht an der Kante ich geschliddert bin. Das werde ich nie vergessen.
    Ich mag, wie du schreibst. Wünsche dir noch viele Alleingänge, sie zentrieren ungemein.
    Alles Liebe!

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