Die Wahrheit über unseren Körper

Tatjana ist 26 Jahre alt. Sie ist klein, hat leicht stramme Oberschenkel, kleine Brüste und einen gut sichtbaren Bauchansatz.

Ich verstehe es nicht.

Laut meinem Verstand besitzt ihr Körper mindestens zwei Makel mehr als meiner. Doch ich komme nicht umhin, sie einfach nur schön zu finden. Sie gern anzusehen. Woran liegt es?

Sie selbst findet sich auch schön. Überhaupt ist sie die pure Lebensfreude und nimmt das Leben so wie es eben kommt. Sie liebt ihren Körper. Das spüre ich. Und ich sehe es.

Macht das ihre Schönheit aus?

Wenn ich an meinen Körper denke, geht es eigentlich meistens um sein Aussehen. Ich bewerte ihn regelmäßig danach, wie sehr es irgendwo schwabbelt. Wenn ich krank bin, stelle ich vielleicht mal fest, dass der Körper noch mehr ist, als meine optische Hülle, doch sobald er wieder Ruhe gibt, achte ich auch schon wieder nicht weiter auf ihn.

Gestern las ich im Buch die Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estés dann eine Textpassage, die meiner Ignoranz gegenüber meinem Körper eine Ende setzte:

Sie schreibt über sich und ihre Freundin Opalanga:

„Ihr Körper ist so schlank und hochaufgeschossen wie eine Eibe. Mein Körper ist ziemlich voluminös und erdnah gebaut. Wenn wir gemeinsam auftreten erzählen Opalanga und ich abwechselnd von den giftigen Pfeilen und verbalen Spitzen, die wir im Laufe unseren Lebens abbekommen haben, weil die Masse der anderen immer etwas auszusetzen fand: hier etwas zu viel, dort etwas zuwenig.“

Irgendwann reiste Opalanga als Erwachsene nach Gambia, um den Stamm ihrer Vorfahren aufzusuchen. Sie war erstaunt, als sie sah, dass die meisten Angehörigen ihres Stammes gertenschlank und groß sind. Die Autorin selbst ist mexikanischer Abstammung und fand irgendwann bei einem Besuch bei ihren Vorfahren heraus, dass die Frauen dort allesamt voluminös sind. Für ihren Stamm sind Frauen „La Tierra, rund wie die Erde, die so viel Gutes hervorbringt.

Sie kommt zu dem Schluss, dass jeder Körper von Natur aus eine bestimmte Form besitzt. Eine Form, die jeder von seinen Vorfahren geerbt hat.

Wir können uns also darüber beschweren, dass die Gesellschaft uns eine Idealvorstellung vom Körper aufdrückt und wir darunter leiden. Wir können aber auch aufwachen und unseren Körper unter einem neuen Blick sehen.

Als das Wunderwerk der Natur, das uns durch dieses Leben begleitet. Dessen Zellen genau wissen, was sie wann zu tun haben. Das mit uns kommuniziert und durch Krankheit und Schmerz auf den falschen Weg hinweisen möchte.

Clarissa Pinkola Estés schreibt:

„Die Vorstellung vom Körper als reine Skulptur ist falsch und ignorant, auch wenn sie im Abendland weithin verbreitet ist. Der Körper ist keine Masse, die zurechtgeschnitzt, behämmert und bearbeitet werden muß. Damit tun wir ihm unrecht.“

„Der Körper erinnert sich an alles. In seinen Knochen hausen Erinnerungen; in den Gelenken, selbst im kleinen Finger sitzt sein Gedächtnis und wird in den Zellen gespeichert. Wie ein mit Wasser gefüllter Schwamm verspritzt der Körper seine Erinnerungen in Form von Bildern und Gefühlen, sobald das Fleisch an irgendeiner Stelle berührt, gestreichelt, gezwickt oder massiert wird.

Die Schönheit und den Wert des Körpers auf irgendetwas Geringeres als diese enorme Vielfalt zu reduzieren bedeutet, dem Körper die Weisheit und das Recht abzusprechen, jede ihm gefällige Form anzunehmen und seines Lebens froh zu werden. Die Wildnatur aller Geschöpfe ist grundsätzlich lebensfroh.“

„Damit werden die Schönheitsideale bestimmter Kulturkreise nicht für falsch erklärt, nein, damit wird den exklusiven Idealen ein umfassenderes Gesamtbild von Schönheit entgegen gehalten, in dem alle Formen, Farben und Funktionen Platz haben.“

Tatjana scheint ihrer Wildnatur sehr nahe zu sein und die Schönheit und den Wert ihres Körpers zu erkennen.

Ich habe nun beschlossen, meinen Körper mehr wertzuschätzen. Ihn nicht nur als mein äußeres Designpaket, sondern als das Wunderwerk zu behandeln, das er tatsächlich ist.

Ich musste nur daran erinnert werden, was er tagein, tagaus, 24 Stunden am Stück, über Jahre hinweg, für mich „leistet“ und wie er mich durch das Leben leitet, wenn ich ihm die nötige Beachtung schenke, und ich fühlte mich sofort voller Liebe für ihn.

Wenn mein Körper Fettpölsterchen braucht, dann werde ich nicht dagegen kämpfen. Wenn mein Körper Bewegung braucht, um sich wohlzufühlen, werde ich meine Trägheit überwinden und Sport treiben.

Für das Wohlgefühl, nicht für das Aussehen.

Denn unsere Schönheit hängt viel mehr vom Wohlgefühl in uns selbst ab, als von der Form unseres Körpers.

Wie gehst du mit deinem Körper um?

Achtest du ihn als dein persönliches Wunderwerk der Natur, das nur für dich da ist?

Ein kleiner Denkanstoß.

Sei es dir wert.

 

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