Die Vision einer Träumerin

3. Juni 2022. Mallorca.

Ich muss seit drei Stunden aufs Klo.

Noch ein bisschen Weiß. Nur eine Pinselspitze. Ich gehe ein paar Schritte zurück. Blinzle etwas mit den Augen. Lasse es kurz wirken. Ja. Jetzt ist das Bild fertig.

Ich flitze ins Bad. Erleichterung. Während ich dort so sitze, atme ich auf und komme zur Ruhe. Betrachte die Sonnenstrahlen auf den Fliesen. Ich fühle meinen Atem. Innerer Frieden.

Ich kehre zurück ins Zimmer. Mein Blick fällt wieder auf das Bild. Es ist perfekt. Ein Hauch Frida Kahlo, eine Prise David Hockney, absolut Elisa Gratias. Ich könnte es stundenlang ansehen, doch ich möchte heute noch den Artikel für diese Woche schreiben. Die Idee habe ich im Kopf.

Wie immer eine Situation aus dem Alltag. Der Alltag. Eine unendliche Inspirationsquelle.

Eine Mail aus Frankreich flattert ins Postfach. Sie möchten mein Buch ins Französische übersetzen.

Unglaublich.

Das hätte ich mir vor fünf Jahren, als ich einen Post für Fabians Facebook-Gruppe Nest für Freigeister schrieb, niemals träumen lassen, dass mein damals noch ungeschriebenes Buch so ein Erfolg wird.

Das Konzept in meinem Kopf fand ich natürlich damals schon erfolgsversprechend: Eine Mischung aus Bridget Jones und Osho basierend auf meinem Leben mit den zwei Auswanderungen und all den Erkenntnissen. Doch ich konnte ja nicht ahnen, dass mir die Umsetzung noch besser gelingt als gedacht.

In den letzten Monaten schrieben mir so viele Menschen, um mir zu sagen, wie sehr meine Geschichte sie inspiriert hat. Dass sie die Welt nun anders sehen können und Tatendrang verspüren.

Dank meiner Worte.

Ich bin noch immer ganz betäubt von all diesen Rückmeldungen, die ich teilweise nur überfliegen konnte, weil ich es nie schaffen würde, sie alle ausführlich zu lesen. Das ist der Wehrmutstropfen. Nicht mehr persönlich auf all diese wunderbaren Menschen eingehen zu können.

Die englische Übersetzung wird nächsten Monat veröffentlicht. Fliege für ein paar Lesungen nach Großbritannien.

Freue mich vor allem auf Cambridge, wo ich Franzi schon seit Ewigkeiten besuchen möchte, und Edinburgh. Die Stadt reizt mich schon lange. Hat sich nie ergeben. Jetzt ist es soweit.

Das Telefon klingelt. Die Galerie aus Palma. Sie haben noch ein Bild meiner Ausstellung verkauft. Das läuft ja wie am Schnürchen.

Ich mache eine Kaffeepause auf der Terrasse. Wie ich den Blick über die Berge liebe. Hätte nie gedacht, dass ich so lange in dieser Wohnung bleiben würde.

Ghost streift um meine Beine. Welch ein Glücksgefühl, eine Katze zum Freund zu haben.

Ich kehre zurück zum PC. Der Artikel ruft.

Nachdem ich ihn zur Revision an die Redaktion von „Freigeist“ schicke, organisiere ich die letzten Details für das Wander-Coaching am Wochenende. Sieben Teilnehmer, Fabian als Coach und ich als Guide und Dolmetscher. Reserviere das Restaurant in Sant Elm zum After-Wandern und das Taxi für die Rückfahrt der Teilnehmer zu ihrem Hotel.

Die Vorfreude steigt mit jedem Tag. Letztes Mal war es so lustig. Gott, was habe ich gelacht.

Ich spüre richtig, wie die Menschheit erwacht. Immer mehr Menschen verwandeln sich von funktionierenden Zombies zu lebendigen Wesen. Menschen eben. Mit Gefühlen und allem drum und dran.

Von wegen Weltuntergang.

Die Politik spürt immer mehr, dass sie zweitrangig wird und die Gesellschaft sich im Kleinen organisiert. Ich folge dem Kindertheater schon lange nicht mehr. Kriege nur immer mal mit, wenn etwas wirklich Bedeutendes passiert.

Terroranschläge und so. Sie gehören inzwischen zum Leben dazu. Komisch, wie wir Menschen uns doch an die krassesten Situationen gewöhnen können. Gott sei Dank. Denn so leben doch alle weiter, wie sonst. Frei. Ohne Angst.

Auto fahren wir ja auch ohne Angst, obwohl ständig Menschen bei Unfällen ums Leben kommen. Vielleicht werden die Terroristen irgendwann müde, wenn sie merken, dass die schockierende, lähmende Wirkung ihrer Anstrengungen nachgelassen hat.

Wer weiß.

Möchte daran gar keine Gedanken verschwenden. Konzentriere mich lieber auf das, worauf ich Einfluss habe.

Beantworte noch ein paar Mails.

Oh, mein Wecker erinnert mich daran, dass ich seit drei Stunden am PC sitze. Ich halte mein Versprechen mir selbst gegenüber, diese drei Stunden am Tag nicht zu überschreiten, und verschiebe die restlichen Antworten auf morgen. Da habe ich mehr Zeit, weil der Artikel schon fertig ist.

Husch, husch in die Sportklamotten und auf zu meinem kleinen Abendläufchen.

Eine milde Brise streichelt mein Haar. Wie fast jeden Tag, wenn ich zuhause bin, laufe ich dreißig bis fünfzig Minuten locker am Meer entlang. Ich liebe den Paseo maritimo mit der felsigen Küste. Den Duft von Sommer.

Zurück zuhause dusche ich und mache mich zurecht.
Mein dunkelgrünes, hautenges FairFashion-Kleid, das ich mir von meiner ersten Einnahme mit dem Buch leistete.

Dazu die orangefarbenen Highheels aus Paris, die ich inzwischen seit zehn Jahren habe und nur zweimal im Jahr trage, weil ich darin noch immer nicht laufen kann. Sitzschuhe eben. Für umwerfende Beine zu besonderen Anlässen, bei denen ich sitzen kann.

Antje und Joana kommen nach Can Pastilla. Wir feiern ihren Geburtstag nach. Im Rumbo Fijo. Noch immer mein Lieblingsrestaurant.

Der Ort, wo vor fünf Jahren alles begann. Hier schrieb ich vor genau fünf Jahren den Post für Fabians Facebook-Challenge auf kleine Notizzettel, die Begoña, die Chefin, mir lieh. Und hier stellte ich auch vor genau fünf Jahren meine ersten Bilder aus und verkaufte sie alle.

Die Mädels sind wie immer erfrischend gut gelaunt. Obwohl beide inzwischen liiert sind, treffen wir uns doch am liebsten unter uns Frauen. Begoña setzt sich ein wenig zu uns. Wir stoßen an.

Auf ihre Geburtstage. Auf mein Glück, vom Malen und Schreiben leben zu können. Auf das Leben.

Ich fühle mich lebendig.

Mit wachsendem Alkoholpegel werde ich auch etwas nachdenklich. Sehne mich so langsam nach Familie. Jaime ist inzwischen ständig beruflich unterwegs. Der Mallorquiner, der erst nicht einmal für einen Kurztrip von seiner Insel wegwollte.

Jetzt, wo wir uns so selten sehen, sehne ich mich richtig nach ihm. Irgendwie sind bei uns immer Extreme angesagt.

Erst hingen wir Tag und Nacht aufeinander, als er so viel zuhause war und ich dort als selbstständige Übersetzerin arbeitete. Dann kamen unsere beiden Leidenschaften und Berufungen quasi gleichzeitig in Schwung.

Ich bin glücklich, dass er mich nach England begleitet.

Mit all meiner Beziehungsangst und unseren Konflikten und Unterschieden bin ich oft überrascht, dass wir noch immer zusammen sind. Und wie lebendig unsere Beziehung auch nach acht Jahren noch ist.

Wie er mich noch immer, im Alltag zum Lachen bringt. Meistens über mich selbst.

Im Herbst heiraten wir. Ganz einfach. Hippie-Bohème-mäßig, wie ich es liebe. Am Strand Es Trenc in Ses Covetes. Dann Essen nur mit unserer Familie und den engsten Freunden im Bar Esperanza bei Clemens, wo ich mich vor über fünf Jahren bei einer kleinen Zeremonie schon selbst geheiratet habe.

Zwischendurch etwas Siesta und Baden für die, die mögen. Am Abend eine große Party.

Jaime organisiert sie, schließlich ist er darin der Experte. Sein Musikbusiness, das er vor drei Jahren mit dem Mann meiner Schwester von Hamburg aus startete, floriert und so verspricht er mir und den Gästen Durchtanzen bis zum Morgengrauen.

Nächstes Jahr können dann auch endlich Kinder in unser Leben treten.

Nach meinen zwei Fehlgeburten vor fünfeinhalb und siebeneinhalb Jahren habe ich zwar noch immer etwas Angst, dass es wieder schief geht, doch langsam tickt ja doch das biologische Rad der Zeit. Also traue ich mich und vertraue einfach darauf, dass ich inzwischen bereit bin und es damals eben einfach noch nicht war.

Wie schön es sich anfühlt, dem Leben zu vertrauen.

Das klingen der Gläser zerrt mich aus meinen Gedanken. Prost! Auf das Leben. Auf unsere Träume.

5 Jahre zuvor

Du liest diesen Artikel und denkst dir ‚Hm, die hat sie doch nicht mehr alle‘ oder ‚Wow, mal sehen, ob sie es schafft‘ oder ‚Ich will unbedingt dieses Buch lesen, wenn es erscheint‘.

Vielleicht fragst du dich auch, wo du in fünf Jahren stehst?

Ich schrieb diese Vision als eine Übung, die der lebensfrohe Fabian Ries seinen Lesern auf seinem Blog Freigeist aufgibt.

Schreibe auch du einen mindestens 1000 Wort langen Artikel mit der Vision deines Lebens in fünf Jahren. Lass dich von Fabians Artikel dazu inspirieren, werde Mitglied in Fabians Facebook-Gruppe Nest für Freigeister und lass dich von der beflügelnden Wirkung dieser Übung und des Feedbacks der anderen Mitglieder überraschen.

Mich hat sie nach meinem Redaktionsplan-Tief direkt wieder in den Schreibmodus katapultiert, wie du merkst.

Sei mutig und träume.

Sei es dir wert.

2 Kommentare, sei der nächste!

    1. Haha. Na das wäre es ja, Papa. Wenn du demnächst aus meinem Blog alles erfährst. Keine Sorge. Soweit kommt es nicht.

      Wenn ich mit meinem künftigen Bestseller und den begehrten Gemälden viel Geld mache und deine Rente sichere, erfährst du es als Erster. :)

      Ich umarme dich,
      Deine Elisa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.