Die schlimmste Nacht meines Lebens

Heiligabend – das Warten hat ein Ende

Die Worte meiner Tante rücken in die Ferne. Gemächlich setzen die Schmerzen ein und ich weiß, dass es nun endlich losgeht. Ich gehe ins Bad, um mir sicher zu sein. Tatsächlich. Die Blutungen haben begonnen.

Seit elf Tagen warte ich darauf. Seitdem die Frauenärztin mir eine Pille gegeben hat, um die Fehlgeburt auszulösen.

Seitdem warte ich auf diesen Moment. Zwischendurch schien es mir schon, als sei da gar nichts mehr. Vielleicht hat die Pille einfach alles aufgelöst und mir bleibt die Fehlgeburt erspart. Wunschdenken.

Komischerweise freue ich mich. Wir haben einen wunderschönen Heiligabend verbracht und ich bin wohlbehütet im Haus meiner Tante und meines Onkels. Wir trinken den letzten Schluck Wein aus und ich bitte meine Tante noch um Schmerztabletten für die Nacht.

Isabelle hatte mir gesagt, es sei nicht viel schlimmer als eine starke Regel. Schmerzhaft aber aushaltbar. Ich rede mir ein, dass ich diese zweite Fehlgeburt natürlich geschehen lassen möchte, um Vertrauen in meinen Körper und die Natur zu bekommen.

In Wahrheit kann ich mir eine Operation nicht leisten, denn die wird in Spanien nicht wie in Frankreich damals bei meiner ersten Fehlgeburt von der Sozialversicherung übernommen. Eine Zusatzversicherung habe ich nicht.

Dieses Mal muss ich da durch. Meine Freundin Isabelle hat das ja auch geschafft.

Guter Dinge gebe ich meiner Tante und meinem Onkel ein Gute-Nacht-Küsschen und verziehe mich mit einer ultra-aufnahmefähigen Nachtbinde ins Gästezimmer. Eine Schmerztablette schmeiße ich mir auch noch ein.

Anstatt nachzulassen, werden die Schmerzen schlimmer. Ich liege in dem dunklen Zimmer und mein Unterleib verkrampft sich bis in den Rücken. So kann ich nicht liegen bleiben. Ich fühle, wie das Blut läuft. Ich gehe ins Bad.

Der erste Schock

Nach einer halben Stunde ist die Nachtbinde, die bei starken Regelblutungen acht Stunden halten soll, voll. Komplett voll. Mehr als voll. Ich wechsle sie aus. Gehe wieder ins Bett. Nach zwanzig Minuten halte ich es wieder nicht mehr aus.

Ich nehme noch eine Schmerztablette. Vielleicht war eine zu wenig.

Es nützt nichts. Ich gehe gar nicht erst zurück ins Bett. Benommen höre ich meine eigene Stimme winseln. Mir ist kalt, die Toilette ist voller Blut. Der Schmerz hält mich fest in seinen Klauen, krallt sich bis in meine Knochen, kriecht die Wirbelsäule hoch. Ich würde mich am liebsten gekrümmt auf dem Boden hin und her wälzen.

Meine Hände und Füße sind Eisbrocken. Ich kann nicht mehr sitzen.

Ab und zu fällt ein Blutklumpen, undefinierbare Dinge, in das Klobecken. Ich versuche, nicht in Ohnmacht zu fallen.

Ich fühle mich allein

Ich nehme eine neue Nachtbinde und gehe wieder ins Bett, um mich aufzuwärmen. Ich schreibe Jaime eine Nachricht, um ihm zu sagen, dass ich schreckliche Schmerzen habe. Als könne er aus 1.500 Kilometern Entfernung etwas daran ändern.

Er schreibt sofort zurück und versucht mich aufzubauen. „Du schaffst das. Du bist stark. Bald ist es vorbei.“ Es ist kurz vor 2 Uhr morgens. Ich fühle mich allein.

Meine Tante und mein Onkel schlafen. Durch die Fenster strömt kalte Finsternis herein. Ich möchte, dass es hell wird, dass ich aufwache und endlich dieser Schmerz nachlässt.

Wieder höre ich mein eigenes Winseln aus der Ferne. Wiege mich im Bett hin und her. Stehe wieder auf und gehe ins Bad. Wechsle die Nachtbinde.

Eine Stunde später habe ich keine Nachtbinden mehr. Die ganze Packung, die ich mir extra besorgt hatte, ist aufgebraucht. Ich bleibe wieder auf der Toilette sitzen. Die Kälte hüllt mich ein, wie eine Eisenzange, verschmilzt mit dem Schmerz zu einem harten Mantel aus Grausamkeit.

Ich kann nicht mehr

Um fünf Uhr morgens krieche ich auf allen Vieren die zwei Meter vom Bad zur Schlafzimmertür meiner Tante und meines Onkels. Ich klopfe zaghaft an. Sie müssen im Tiefschlaf sein. Ich klopfe etwas doller und rufe sie mit halb erstickter Stimme.

Ein kurzer Anflug von Scham wird von der nächsten Schmerzwelle verdrängt.

Erschrocken stehen die beiden noch im Halbschlaf vor mir. Ich liege zu ihren Füßen. Meine Tante bringt mich ins Bett, mein Onkel gibt mir eine Wärmflasche. Wir beschließen, noch eine Stunde abzuwarten.

Vielleicht ist es bis dahin vorbei. Viel kann nach all dem Blut und den Klumpen, die ich verloren habe, ja nicht mehr fehlen.

Die Wärmflasche tut gut. Sie entspannt meinen geschundenen Körper, hüllt meine angsterfüllte Seele in Watte. Ich bin so müde, dass ich halb wegdöse. Die Schmerzen kommen schubweise. Die Blutungen auch. Ich spüre, wie die warme Flüssigkeit aus mir herausfließt und lasse es einfach geschehen.

Ich habe keine Kraft mehr, ins Bad zu gehen. Die letzte Nachtbinde habe ich an. Falls sie nicht reicht, habe ich ein Handtuch untergelegt.

Träge schrecke ich hoch. Der Schmerz lässt mich nicht länger als zwanzig Minuten ruhen. Oder war es doch schon eine Stunde? Ich muss weggetreten sein.

Unerträgliche Krämpfe. Ich stehe auf. Sehe eine Blutlache auf dem Handtuch. Ich hebe es an. Natürlich ist auch die Matratze voller Blut.

Gekrümmt vor Schmerzen gehe ich ins Bad. Winsle vor mich hin. Als ich die Hose hinunter ziehe, schmeiße ich sie vor Schreck von mir weg, gegen die Wand. Faustgroße Blutklumpen hängen darin, meine Beine sind blutverschmiert, die Badezimmerwand und der Boden nun auch.

Nicht in Ohnmacht fallen

„Nicht in Ohnmacht fallen, Elisa. Nicht in Ohnmacht fallen. Ganz ruhig.“, ermahne ich mich und versuche einfach nur zu atmen. Ich rufe meine Tante. Sie kommt und ich bitte sie, mich in die Notaufnahme zu fahren.

Während die beiden sich anziehen und alles Nötige zusammensuchen, liege ich inzwischen selbst angezogen in meinen Absatzschuhen für den Weihnachtsabend im Flur auf der Erde. Stehen oder sitzen kann ich nicht.

Inzwischen höre ich mich schreien, wenn die Schmerzschübe kommen, und kann kaum glauben, dass ich das bin. Ich habe Angst, so wie die Mutter von Jaime damals bei ihrer Fehlgeburt, einen Eierstock zu verlieren.

Die dreißigminütige Fahrt vom Land ins städtische Krankenhaus kommt mir vor wie ein Film. Mein Onkel fährt, meine Tante sitzt hinten neben mir und hält meine Hand. Ich liege halb nach vorn gerutscht und starre an die Autodecke. Ich bin weit weg. Die Schmerzen sind in meinem Körper, aber wo bin ich? Ich weiß es nicht. Ich bewundere meinen Onkel dafür, wie er die Ruhe bewahrt und so angenehm fährt. Andere Gedanken kommen und gehen.

Schreiend betrete ich am Arm meiner Tante die Notaufnahme. Alle starren mich an. Es ist mir egal. Ich will einfach nur, dass mir jemand so schnell wie möglich etwas gegen diese Scheißschmerzen gibt.

Eine freundliche Schwester nimmt uns auf. Sie legen mich auf eine Trage und schieben mich in einen Saal. „Wir müssen Sie bestimmt operieren.“

„Ich bin nicht versichert.“

„Ach, jetzt machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Sie haben doch wohl in Spanien eine Versicherung. Darüber sind sie bestimmt auch europaweit abgesichert. Wir machen das schon. Keine Sorge.“

Meine Tante ist die ganze Zeit bei mir.

Wehen ohne Kind

„Geben Sie mir bitte etwas gegen die Schmerzen“, flehe ich die Schwester an.

„Das kann ich leider nicht. Sie haben Wehen.“

Ein Schlag in die Magengrube. Meine Freundin Isabelle liegt ebenfalls mit Wehen im Krankenhaus. Sie schrieb mir eine Nachricht, als ich mit meinen Eltern im Auto saß. Ich fühle mich ihr nahe. Und in einer anderen Welt zugleich.

Sie legen mir eine Infusion. Keine Ahnung womit.

Vielleicht bilde ich es mir ein, aber der Schmerz wird langsam erträglicher. Vielleicht, weil meine Tante die ganze Zeit meine Hand hält. Ich schlafe ab und zu ein. Keine Ahnung wie lange.

Irgendwann werde ich durch den Flur geschoben. Zur Frauenärztin. Eine gut gelaunte, junge Frau mit einem Berliner Akzent. Sie ist mir sympathisch. Die Schwestern wollen mir aufhelfen und bitten mich, mich freizumachen und zum Untersuchungsstuhl hinüber zu gehen.

Ich sage ihnen, dass ich viel Blut verliere, da ich fürchte, den ganzen Boden einzusauen.

„Machen Sie sich mal keine Sorgen. Das ist schon ok.“

Als ich aufstehe und sie die Blutlache auf der Trage sehen, höre ich nur ein erstauntes „Oh“.

Die Frauenärztin macht einen Ultraschall. Konzentriert blickt sie auf den Bildschirm. Obwohl noch eine Schwester und meine Tante im Raum sind, empfinde ich keine Scham. Ich habe nicht viel Zeit mich darüber zu wundern.

„Es sieht eigentlich ganz gut aus. Wir müssen nicht operieren.“

Eine warme Welle schwappt von meinen Füßen durch den ganzen Körper bis in meinen Kopf. Keine Schmerzen mehr. Ich breche in Tränen aus.

Tränen der Erleichterung, der Dankbarkeit und der Leere.

Der graue Nebel der Emotionen

„Die Mutti nimmt jetzt deine Sachen mit und kommt später wieder, ok?“

Ich muss grinsen. So hat, seitdem ich fünfzehn war, keiner mit mir gesprochen. Haben die mein Alter nicht gesehen?

„Das ist meine Tante.“, lächle ich die Schwester an.

„Ach, Sie sehen sich aber ähnlich.“

Meine Tante sieht mir liebevoll in die Augen. Ich weiß, dass sie auch leidet. Kann aber nichts sagen. Ich schließe die Augen und lasse die Tränen laufen.

Als ich aufwache, liege ich in einem grauen Zimmer. Mir gegenüber eine alte Frau mit Augenbinde auf einem Auge. Sie telefoniert laut. Dann geht die Tür auf. Eine Ärztin. Nicht die von heute früh.

„Wir behalten Sie zur Beobachtung bis morgen hier.“

Ich nicke. Als sie fort ist, bekomme ich Panik. Ich will nicht hier bleiben. Morgen kommt meine Schwester mich abholen, um nach Hamburg zu fahren, wo Jaime übermorgen ankommt. Ich erinnere mich daran, dass Weihnachten ist.

Ich will nicht getröstet werden

Ich schluchze nun richtig. Die alte Frau hat aufgelegt und kommt mit einem Zellstofftaschentuch an mein Bett. Sie will mich trösten. Ich will aber nicht getröstet werden, ich will hier weg. So schnell wie möglich.

Wenn meine Familie kommt, werde ich Papa bitten, mich hier rauszuholen. Er ist doch Arzt. Er kann da bestimmt etwas machen.

Ich starre in den grauen Weihnachtshimmel hinaus. Ich fühle mich so überwältigt von allen Ereignissen und Empfindungen, dass ich gar nichts mehr empfinde. Außer Leere. Ungerechtigkeit. Andere tragen Babys aus dem Krankenhaus und ich nichts.

Andere Männer sagen über ihre Frauen nach der Geburt des gemeinsamen Kindes stolz, sie hätte gekämpft wie eine Löwin. Zu mir sagt das keiner.

Habe ich etwa nicht gekämpft?

Ist es kein Kampf, nur weil man von Anfang an weiß, dass man verlieren wird? Verdient das nicht auch etwas Anerkennung, verdammter Mist?

Ich bin zu müde, um mich da jetzt weiter hineinzusteigern.

Schnell zurück in die Normalität

Die Tür geht wieder auf. Endlich. Ich strecke meiner Mutter die Arme entgegen wie eine Vierjährige, der etwas zugestoßen ist. Mit schwacher Stimme flehe ich Papa an, mich hier rauszuholen. Er und meine Tante, die auch Ärztin ist, verlassen das Zimmer, um das zu klären.

Mama hält meine Hand. Mein Onkel beobachtet uns mit einem sanften Lächeln an die Heizung gelehnt.

Nach einigem Hin und Her darf ich gehen. Gott sei Dank! Ich bin so glücklich. Kann es kaum erwarten hier weg zu kommen und in die Normalität zurückzukehren.

Ich unterschreibe einen Zettel und erkläre den Ärzten und Schwestern, wie dankbar ich mich fühle. Jahrzehnte lang kotzte es mich an, dass mein Vater zu Weihnachten so gut wie nie da war, weil er im Krankenhaus Dienst hatte. Nun bin ich so stolz auf ihn und allen Fachkräften des Gesundheitswesens einfach nur dankbar.

Ich ziehe mir die Jogginghose über, die meine Tante mir mitgebracht hat, da meine Jeans voller Blut war. Zusammen mit den Absatzschuhen vom Vorabend. In meinem schrägen Look verlasse ich mit meinen Eltern an meiner Seite das Krankenhaus in Richtung Freiheit.

Meine Arme fühlen sich leer an. Ob Isabelle schon ihr Baby geboren hat?

***

Wie verarbeitet man so etwas?

Seit dieser Nacht und dem Artikel, den ich bereits im Januar zu meinen damaligen Empfindungen schrieb, habe ich kaum noch an die Ereignisse zurückgedacht. Doch jetzt, wo sich mit der Weihnachtszeit auch der Jahrestag nährt, überfallen mich die Bilder der Erinnerung abends vorm Einschlafen.

Dann liege ich ewig wach und versuche herauszufinden, was ich fühle. Etwas Dumpfes. Traurigkeit, die sich in den letzten Winkeln meiner Därme verkrochen hat und nur zaghaft ab und zu Hallo sagt.

Wie verarbeitet man so etwas? Wie werde ich meine nächste Schwangerschaft erleben? Wie gehe ich mit der Angst um, dass es wieder passiert? Wie halten die Frauen das aus, denen es schon mehr als zweimal passiert ist?

Einfach so, schätze ich. Sie haben ja keine Wahl.

Würde es uns nicht helfen, wenn wir darüber sprächen? Ganz normal?

Nicht so, als wäre es etwas Schreckliches oder Dramatisches?

Wenn ich Foren zum Thema Fehlgeburt lese, wo andere über Knöpfchen und Sternkinder schreiben, wird mir übel. So bin ich nicht. Ich will nicht nur mit Frauen darüber sprechen, denen das auch passiert ist. Ich will mit allen darüber sprechen.

Lernen, um Hilfe zu bitten

Ich will, dass andere eine Vorstellung davon haben, wie es sich für mich anfühlte. Ich möchte lernen, um Hilfe zu bitten.

Warum fällt uns das so schwer? Oder bin das nur ich?

Mit Texten wie diesen möchte ich eine Brücke bauen. Eine Brücke von der einsamen Insel meines Ich durch das dunkle Meer meines Inneren zu dir. Eine Brücke von einem echten und ganzen Mensch zu einem anderen.

Nicht von einer Maske zu einer anderen Maske.

Ich schreibe dies auch, um dir bewusst zu machen, dass wir manchmal gar nicht merken, wann wir Hilfe brauchen.

Es soll eine Erinnerung für dich sein, dir selbst in schweren Momenten bewusst zu werden, ob du Hilfe brauchst und um diese Hilfe zu bitten.

Sei es dir wert.

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