Die Gefahr hinter Facebook

Bucaramanga, Kolumbien, März 2013. Maria und ich sind jetzt seit zwei Wochen in ihrem Land unterwegs. Bogotá, Cali, Villa de Leyva, Cartagena, das Ferienhaus ihrer Eltern irgendwo in den Bergen.

Wir haben viel erlebt, ich habe viele Fotos gemacht. Jetzt sind wir bei ihrer Mutter in Bucaramanga zum Entspannen am Pool und Avocados vom Baum im Garten essen. Doch das Wichtigste: Hier haben wir endlich wieder ordentliches Internet.

Endlich kann ich die schönsten Fotos auf Facebook hochladen. Allen zeigen, was wir hier für eine tolle Zeit haben.

Die Fotos zeigen nicht, dass ich mich wie in einem goldenen Käfig gefangen fühle, Maria und ich uns ständig anzicken. Wir vierundzwanzig Stunden am Tag mit ihrer Familie zusammen sind. Kein bisschen Freiheit und Spontanität. Ich bin ständig schlecht gelaunt und Maria wirft es mir vor. Findet mich undankbar.

Egal. Erstmal die Fotos hochladen und das Album posten. Maria sitzt neben mir und sucht mit die Bilder aus, die wir keinem vorenthalten wollen. Ich gebe zu, es macht mir Spaß, andere neidisch zu machen. So eine kleine Regung haben wir doch alle in uns, oder?

Eine Woche später bin ich wieder in Paris. In meiner Wohnung. Kann rausgehen, wann mir danach ist und mich frei bewegen. Zeit für mich allein genießen. Erleichterung.

Ich sehe erst einmal nach, wie viele Likes mein Kolumbien-Album schon hat. Enttäuschung. Vierunddreißig.

Ich verstehe das nicht. Wenn ich bei anderen Leuten sehe, dass sie für irgendwelchen Mist, den sie posten, hunderte Likes kriegen und ich hier ein wahnsinns Reise-Album veröffentliche und poplige vierunddreißig Likes, dann macht mich das wütend. Und neidisch.

Ein Scheißgefühl.

Paris, Frankreich, Oktober 2013. Sylvain gibt mir einen Kuss, schnappt sich sein Fahrrad und weg ist er. Ich räume unseren Frühstückstisch ab und setze mich an den Schreibtisch. Öffne das Übersetzungsprogramm und beginne meinen Arbeitstag.

Nach zwanzig Minuten verspüre ich den Drang, Facebook zu öffnen. Nur ein wenig herumstöbern. Schauen, was es Neues gibt.

Ich sehe Fotos, von den Leuten aus Sylvains und meiner Radgruppe gestern. Sie machten eine Tour im Umland von Paris. Ich war nicht dabei. Sie hatten uns gefragt, aber ich war zu faul. Die fahren mir zu schnell und selbst, wenn sie regelmäßig auf mich warten, ist es frustrierend, immer die Letzte zu sein.

Sie sind fast alle Fahrradkuriere. Ich sitze den ganzen Tag am PC. Da kann ich nicht mithalten. Beim Anblick der Bilder und Kommentare fühle ich mich ausgeschlossen.

Paris, Frankreich, Februar 2014. Meine Fehlgeburt liegt jetzt eine Woche zurück. Gestern war ich bei einer Therapeutin. Anna Cooper. Sandra aus der Radgruppe hat sie mir empfohlen. In Anbetracht der Tatsache, dass ich nichts weiter spüre als einen Wechsel aus Schmerz und Leere, ging ich zu ihr.

Es erschien mir die einfachste Variante zwischen 1) mich vor den nächsten Bus schmeißen, 2) im Bett auf das Ende meiner Tage warten oder 3) mir professionelle Hilfe suchen. Wenn Anna mir nicht helfen kann, dann bleiben mir immer noch die beiden anderen Optionen.

Meine Freunde und die Leute aus der Radgruppe machen sich Sorgen. Jetzt war ich seit drei Monaten nicht mehr mit ihnen unterwegs. Seit dem Schwangerschaftstest.

Ich suche Ablenkung auf Facebook. Sehe mir meine eigenen Fotos an. Die ganzen Alben. Meine Reisen. Mexiko, Kuba, Japan, Kolumbien, Thailand. Momentaufnahmen bei Partys. Bei Picknicks am Canal Saint Martin, meinem Lieblingsort in Paris.

Ich strahle. Bin umgeben von anderen fröhlichen Gesichtern. Ich stelle fest, dass mein Leben auf Facebook wie ein absolutes Traumleben aussieht. Genau so, wie ich es mir als Teenager ausmalte und nie für möglich gehalten hätte.

Die Therapeutin fragte mich gestern, wie ich mich fühlte. Ich wusste es nicht.

Leere.

Das Wort würde es wohl am besten beschreiben.

Auf jeden Fall fühle ich mich nicht so, wie ich mich laut Facebook fühlen sollte. Ich hasse Facebook. Es ist so oberflächlich. Diese blöden Likes, die andere anhäufen wie Ameisen und von denen ich so wenige bekomme.

Das ist doch krank. Mich davon runterziehen zu lassen. Elisa, was ist bloß los mit dir?

Nach ein paar weiteren Sitzungen mit Anna lösche ich mein Facebook-Account. Ich möchte nicht mehr diesem Drang nach Vergleichen und Angeben unterliegen.

Komme mir vor, wie ein Alkoholiker, der seine ganzen Vorräte wegkippt.

Mallorca, Spanien, September 2017. Ich sitze auf der Terrasse meines Lieblingsrestaurants. An den Mauern hängen meine Gemälde. Ein Mann fotografiert sie.

Mit einem blau-weiß gestreiften Bleistift kritzle ich einen Artikel über Facebook in mein Notizbuch. Dank Anna fand ich endlich zu mir. Zu meinen Gefühlen, zu meinen Leidenschaften, zur Fülle des Lebens.

Ich zog nach Mallorca, begann zu malen und startete einen Blog. Demnächst werde ich mein erstes Buch schreiben. Über mein Leben, meine Erkenntnisse und das Geheimnis des Lebens.

Für den Blog habe ich wieder ein Facebook-Account erstellt. Ich poste nun keine Urlaubsbilder mehr, sondern Artikel. Artikel, in denen ich über mein Innenleben schreibe. Ein wahres Bild meines Lebens zeichne, um wahre Menschen zu erreichen.

Ich liebe Facebook. Es ist ein fantastisches Kommunikationswerkzeug.

Ich ertappe mich immer noch dabei, wie ich es zur Ablenkung missbrauchen möchte. Ich versuche dann, mir bewusst zu machen, was ich da tue und was ich eigentlich möchte. Wie ich mich fühle.

Bewusst sein. Der Schlüssel zum Glück. Es geht nicht darum, was wir machen, sondern wie wir es machen.

Bewusst Facebook nutzen. Bewusst atmen. Bewusst essen.

Ich trinke einen Schluck Weißwein, schließe die Augen, lächle.

Wie sieht deine Beziehung zu Facebook aus? Lässt du die sozialen Medien unbewusst dein Leben beeinträchtigen? Oder benutzt du sie bewusst und lässt dich von ihnen bereichern?

Sei es dir wert.

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Ich habe nach über 7 Jahren im April diesen Jahres auch meinen Account bei FB gelöscht. Die erste Woche war ungewohnt, aber es ging. Rückblickend kann ich nur sagen: es war das Beste, was ich tun konnte! :) Ich hatte Angst, Kontakte einzubüßen. Mit meinen richtigen wahren Freunden bin ich immer noch befreundet und in Kontakt – dafür brauchen wir FB nicht. :) Ich bin jetzt viel mehr bei mir, fühle mich und schaue mehr auf mich selbst, ohne mich mit anderen zu vergleichen. FB hat mich persönlich auf Dauer unzufrieden und aggressiv gemacht.

    1. Liebe Frau Katze,

      ja, das ist eine gute Entscheidung! Wenn ich mich nicht dazu berufen fühlen würde, viele Menschen erreichen zu wollen, würde ich auch sehr gut ohne Facebook leben können. Ich freue mich, dass ich dich anscheinend auch ohne Facebook erreichen konnte.

      Liebe Grüße
      Elisa

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