Die Einstellung, die unsere Welt retten kann

Meine Freundin Maria ist zu einer Restauranteröffnung eingeladen, wo sich die Reichen und Schönen Mallorcas tümmeln. Sie nimmt mich mit.

Ich freue mich über die Gelegenheit, mich mal so richtig herauszuputzen.

Als ich jedoch mit meinen hohen Absätzen über den Schotterparkplatz zum Eingang stolpere, bekomme ich Lampenfieber.

Es ist eine andere Welt. Ich komme aus der stinknormalen Mittelschicht und saß vor ein paar Tagen noch mit anderen Freunden, die auf dem Bau arbeiten, Bier aus Büchsen trinkend in einer mallorquinischen Bucht. Da kenne ich die Gepflogenheiten.

Aber hier. Keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Redet man einfach mit jedem? Was, wenn jemand bekannt ist und ich ins Fettnäpfchen trete?

Dank meiner Selbstliebe-Bücher (das ist nur halb ironisch gemeint) spreche ich mir (in Gedanken) liebevoll zu und gehe intuitiv direkt zur Bar. Ein Gläschen Weißwein schadet nie.

Meine Freundin trifft Bekannte. Darunter eine Dame, von der sie mir bereits erzählt hatte, dass sie Millionärin ist und ein angesehenes Design-Geschäft besitzt. Maria stellt mich vor. Es stellt sich heraus, dass die Frau auch Deutsche ist. Ein Small-Talk entsteht und ich habe Angst, meine Freundin zu blamieren.

Zu meiner Überraschung macht die Millionärin – sie heißt Hanna – einen ziemlich bodenständigen Eindruck und meint, sie würde bei den kleinen Häppchen, die serviert werden, nie satt werden. Ich gestehe ihr, dass es mir genauso geht und wir schlagen beide jedes Mal zu, wenn ein Kellner mit dem Tablett an uns vorbeikommt.

Maria muss für ihre Arbeit Kontakte knüpfen. Am Anfang wackle ich ihr wie ein Dackel hinterher und komme mir blöd vor. Irgendwann bleibe ich einfach an der Bar stehen.

Nach dem dritten Glas Wein entspanne ich mich langsam. Ich fühle mich plötzlich wohl, denn es scheint irgendwie keiner auf mich zu achten. Also beobachte ich die Menschen ein wenig.

Nach einer Weile gesellt sich Hanna zu mir. Sie ist richtig sympathisch. Wir kommen ins Gespräch.

Da jeder sie kennt, dauert es nicht lange, bis eine kleine Gruppe wildfremder und sehr künstlich wirkender Menschen um uns herum steht. Ein schwules Designer-Pärchen regt sich über einen fiesen Artikel, der in der Presse über sie erschienen war, auf.

Hanna dreht sich zu mir und sagt auf Deutsch, dass sie die Presseleute nicht verstehe. Ob sie denken, die anderen hätten keine Gefühle. Das Pärchen tut ihr leid. Der Journalist verstand sich beim Treffen mit den beiden wohl sehr gut, sodass so viel Boshaftigkeit sie noch mehr traf.

Aus Reflex streichle ich Hanna an der Schulter, um sie zu trösten. Wir sehen uns in die Augen und plötzlich beginnt sie zu weinen. Ich nehme sie in den Arm.

Sie erzählt von ihrer Kindheit, ihren Eltern, die ihr nie zeigten, was Liebe ist. Sie sagt zu mir: „Wenn doch jeder anderen Menschen mit so offenem Herzen begegnen würde wie du.“ Ich bin gerührt und überrascht von einer so intensiven Begegnung, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte.

Am Ende des Abends fahren Maria und ich Hanna nach Hause. Wie drei Freundinnen, die sich seit Ewigkeiten kennen.

Als ich nachts im Bett liege, kann ich nicht schlafen.

Mir fällt auf, wie ungerecht die Welt auch den Reichen gegenüber ist.

Wie ungerecht wir, die Nichtreichen, gegenüber den Reichen sind.

Wir verhalten uns wie ein arroganter Penner, wie ich sie zuhauf in der Pariser Metro traf und hasste. Sie stellten sich vor einen und verlangten Geld, als wäre es meine heilige Pflicht ihnen welches zu geben, weil ich eben mehr hatte.

Wie oft stellen wir uns erhobenen Zeigefingers hin und verlangen, dass die Reichen doch endlich ihren Reichtum teilen und abgeben, weil sie eben mehr haben als wir?

Wie diese Menschen sich fühlen, was sie für Probleme oder Schmerzen erleiden, interessiert keinen. Wer reich ist, darf nicht unglücklich sein. Und wenn er es trotzdem ist, dann ist er sowieso selbst Schuld und darf nicht darüber reden. Und dann beschweren wir uns, dass sie so künstlich wirken.

Und gibt es nicht auch viele Wohlhabende, die sehr großzügig sind, während viele Mittelständler, die im Vergleich zu den meisten anderen Menschen der Welt auch schon sehr reich sind, doch eigentlich selbst alles, was sie verdienen und haben, für sich behalten wollen?

Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die ein erfülltes Leben haben und mit sich im Reinen sind, automatisch mit anderen teilen möchten und dies auch tun.

Also sagte ich mir halb im Scherz, dass ich eine Hilfsorganisation für die Reichen gründen möchte. Die Aufgabe soll sein, sich diesen Menschen liebevoll zuzuwenden und sich für ihre Gefühle und Bedürfnisse zu interessieren. Ihre Seele zu heilen.

Nun wirst du sagen, dass die sich doch einfach einen Therapeuten nehmen können.

Doch ich denke, dass es vor allem darum geht, dass jemand sich für sie als Mensch interessiert, ohne dass sie diese Person bezahlen müssen.

Bisher versuchen wir die Probleme der Welt zu beheben, indem wir uns nur den materiell Armen und Bedürftigen zuwenden. Den Wohlhabenden mit einem Mangel an aufrichtigem Interesse und Menschlichkeit in ihrem Umfeld widmet sich keiner.

Es ist Zeit, umzudenken!

Wie wäre es, wenn wir aufhörten zu glauben, es wäre die Pflicht der Reichen, die Welt zu retten, während wir uns nicht an die eigene Nase fassen.

Jeder Menschen kann seinen Beitrag zu einer besseren Welt leisten, egal wie viel er besitzt. Was leistest du? Es muss doch keine Spende sein. Du kannst auch Mitgefühl, Interesse und Zeit geben. Anstatt die Verantwortung denen in die Schuhe zu schieben, die mehr haben als du.

Schluss mit Urteilen und Forderungen und Tür auf zu einer neuen Zeit der liebevollen Begegnung unter Menschen.

Dann können Wunder geschehen. Dessen bin ich mir sicher.

Wie ist deine Meinung zu diesem Thema? Schreibe mir einen Kommentar. Ich bin gespannt.

Sei es dir wert.

7 Kommentare, sei der nächste!

  1. Wieder ein sehr schöner Artikel, liebe Elisa.
    Er bestätigt für mich, dass wir alle viel zu viel in Schubladen denken.
    Kapitän Schwandt sagte: „Auf meinen Reisen habe ich gelernt, weltoffen und tolerant zu sein. Es gibt überall reizende Menschen. Und es gibt überall Arschlöcher. Das hat nichts mit Religion, Nationalität, Hautfarbe oder politischer Einstellung zu tun.“
    Im Grunde hat er hierbei den monetären Reichtum vergessen. Es gibt genauso nette und sozial engagierte Reiche wie das Gegenteil und alles dazwischen. Wie bei allen anderen Gesellschaftsschichten auch.
    Aber ob die Reichen eine Hilfsorganisation brauchen ist fraglich, da sie ja im Gegensatz zu vielen anderen über die monetären Mittel verfügen, ihre Schublade zu verlassen. Wenn sie die nicht einsetzen, liegt es vielleicht doch an ihrer sozialen Einstellung?
    Ich gebe jedem Menschen zunächst mal die Chance, mir zu zeigen, wie er drauf ist und bilde mir dann ein Urteil. Zumindest versuche ich es.
    Liebe Grüße,
    Martin

    1. Lieber Martin,

      genau da liegt die Schwierigkeit der „Reichen“: Ihre monetären Mittel helfen ihnen hier überhaupt nicht weiter. Ich glaube schon, dass es auch für sie einschüchternd und schwer ist aus ihrer Welt heraus und in eine andere Welt zu treten. Sie kennen ja nichts anderes. Zudem fühlen sich vielleicht viele von ihnen sowieso abgetrennt vom Rest der Welt, was an ihren Glaubenssätzen und ihrer Erziehung liegen kann und/oder an unseren.

      Ich will ja auch nicht sagen, dass sie besser sind als wir. Sie interessieren sich sicherlich auch nicht mehr für die Mittelschicht als umgekehrt, aber sie verlangen auch nicht von ihr, ihren Besitz zu teilen und abzugeben.

      Es soll ja auch nur ein Denkanstoß sein, um nach und nach ein paar Türchen zu öffnen, wo es eben möglich ist. Andere Sichtweisen anzubieten, wo aktuell von mir empfundene, uns allen nicht weiterhelfen. Und das Wichtigste: Eben nicht nur Labern, sondern auch Machen – sprich, sich selbst fragen, wie man dazu steht und warum, wenn man denn Lust hat.

      Liebe Grüße an dich. Ich freue mich immer über den regen Austausch mit dir. :)

      1. Liebe Elisa,
        Für Spanien kann ich nicht sprechen, in Deutschland ist es oft so, dass anstatt zu gönnen eher der Neid vorherrscht.
        Insofern haben die Reichen es vielleicht schwerer, egal wie sie reich geworden sind.
        Ich denke trotzdem, dass es übertrieben wäre, da spezielle Hilfestellungen zu bieten. Den Einsatz könnte man vielleicht gemeinsam für dringendere Projekte leisten, was automatisch eine Brücke schlagen würde.
        Herzliche Grüße auf die sonnige Insel, genieß das Meeresrauschen! 😊
        Martin

  2. Liebe Elisa, ich mag deinen Blog sehr. So menschlich und mitten aus dem Leben. Sehr sympathisch ist mir schon aus der Ferne die Millionärin auf der Party, die nicht satt wird von den kleinen Häppchen. So symbolisch! Warum sparen viele Menschen mit Dingen, die so wichtig sind wie Zuneigung und ehrliches Interesse? Ich glaube, aus anerzogenem und auch eigenem Mangeldenken. Dabei ist genug Fülle, Liebe, Aufmerksamkeit und auch Geld da für alle. Wobei man sich Liebe und echte Aufmerksamkeit nie kaufen können wird – ist das nicht paradox?
    Finde deine Idee sehr gut. Zuwendung zu geben und zuzuhören ist doch mit das Wertvollste, was wir zu geben imstande sind. Und ich bin völlig deiner Meinung, es ist egal, wo wir stehen und wo der andere steht, denn Mensch ist Mensch. Das Leben ist endlich und am Ende zählt nicht, was wir materiell erreicht, sondern was wir in der Welt gegeben haben, glaube ich. Wünsche dir einen schönen Abend, sage danke für die Inspiration und freu mich auf den nächsten Artikel :-) Liebe Grüße, Carla

    1. Carla, ich freue mich sehr über deinen Kommentar!
      Vielen Dank für die lieben und motivierenden Worte. Wie schön, dank so einem Blog Gleichgesinnte zu finden, wobei ich dich ja eigentlich im Buchhladen hier in Palma gefunden hatte, haha.
      Herzliche Grüße an dich von der sonnigen Insel :)

  3. Liebe Elisa,
    das ist ein spannendes Thema, das Du hier ansprichst. Und in einem sehr ansprechenden Artikel beschreibst.
    Ich fühle mich nicht „arm“ (was ist das letztendlich?) aber zumindest muss ich mit meinen finanziellen Mitteln haushalten. Und sicher bestimmt dies auch ein Teil meines Seins, meines Lebens, sicher nagt es manchmal auch, an schlechten Tagen, an meinem Selbstwertgefühl. Trotzdem weiß ich, dass der Finanzstatus nur ein Aspekt im Leben ist – natürlich dann elementar, wenn Rechnungen und Miete oder ähnliches zu begleichen sind oder ich mir mal was besonderes „leisten“ will.
    Aber oft genug spielt dieses Thema doch überhaupt keine Rolle. Und erst recht nicht bei wirklichen Begegnungen zwischen Menschen. Wo es um Emotionen, um Beziehung, um Empathie und Sympathie geht. Wo es um Lebendigkeit, Kreativität und Herzenswärme geht. Und das ist zunächst unabhängig vom Stigma des Nichtreichen/Armen bzw. des Reichen. Das liegt allein an uns, am Menschen.
    Elisa, dank der mail-Impulse von Dir gelange ich unregelmäßig immer wieder mal auf Deine Seite. Ich verweile gerne hier und „blättere“ mich durch die Blogs. Ich nehme Deine Beiträge als tiefgründig und trotzdem leicht, als engagiert und trotzdem unaufgeregt wahr.
    Ganz ehrlich, ich frage mich manchmal, wohin Deine Reise mit diesem Blog geht, gehen soll. Auf alle Fälle ziehst Du mich mit Deiner Art des Schreibens immer wieder in den Bann, ich merke, dass ich immer wieder gerne Mitreisender bei Dir bin.

    Liebe Grüße aus der Nähe von Frankfurt

    Michael

    1. Lieber Michael,

      was für ein rührender Kommentar. Ich danke dir vielmals und freue mich, dass du gerne Mitreisender bei mir bist.

      Das tut sehr gut zu lesen, da natürlich auch ich einen inneren Zweifler habe. Bei Kommentaren wie deinen gibt dieser dann schnell Ruhe und freut sich mit mir, dass ich anscheinend doch Menschen erreichen kann. :)

      Herzliche Grüße!
      Elisa

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