Der verkannte Grundbestandteil für ein glückliches Leben

Die roten Vorhänge wehen heftig im Durchzug.

Ich sitze an meinem Schreibtisch neben dem Fenster zur Terrasse. Ich habe die Zimmertür weit geöffnet, um die frische Brise zu genießen. Wobei frisch etwas übertrieben ist. Mild würde es eher treffen.

Die Hitze hält Mallorca seit Monaten fest im Griff. In den letzten zwei Wochen machte mir das nichts aus.

Familienspaß im Swimmingpool

Denn ich hatte einen Pool. Einen kühlen, blauen, wohltuenden Pool. Zu dem Pool dazu hatte ich meine Schwester und ihre Familie und Freunde, die das Ferienhaus mit dem Pool gemietet haben.

Seit zehn Jahren habe ich das erste Mal wieder so viel Zeit am Stück mit meiner Schwester verbracht und ein Familienleben genossen.

Heute früh sind sie abgereist. Wir verabschiedeten uns gefühlt mitten in der Nacht gegen sechs Uhr morgens. Dann ging ich schlafen.

Was tun, wenn es wehtut?

Als ich aufwachte, waren sie weg und zwei alte Bekannte wieder spürbar. Die Hitze und die Schwere in mir. Keine Lust aufzustehen. Wozu auch? Ich habe heute nichts weiter vor.

Gott oder besser gesagt meiner Selbstliebe sei Dank. Denn so konnte ich mir die Zeit nehmen, zu mir zu kommen. Zu fühlen. Irgendwann kamen die Tränen. Auch nach zwölf Jahren im Ausland fällt der Abschied von meiner Familie mir so schwer wie am Anfang. Das ist unangenehm.

Und schön zugleich.

Traurigkeit ist ein warmes Gefühl. Ich mag sie. Sie gehört zu einem glücklichen Leben dazu. Bringt mich runter. Lässt mich eine behagliche Tiefe spüren, die mich in dieser Welt verwurzelt. Sie kostet weniger Energie als die Momente der Freude.

Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen die Zeit nehmen, ihre Traurigkeit zu spüren.

Mein erster Reflex wäre gewesen, mich zu beschäftigen. Rauszugehen. Mich mit irgendwem zu verabreden. Ein Buch zur Hand zu nehmen. Das Gefühl wegzudrängen.

Ich gestehe: Zunächst surfte ich mit dem Smartphone auch abwesend auf Facebook und Instagram. Bis es mir zu langweilig und zu blöd wurde. Mir schon die Finger und das Handgelenk wehtaten.

Ich habe inzwischen begriffen, dass mir das auf Dauer nicht guttut. Dennoch probiere ich es anfangs immer wieder damit, mich abzulenken.

Doch durch Ablenkung geht der Kontakt zu uns selbst verloren. Wir nehmen unsere Gefühle nicht mehr wahr. 

Was ist das Leben ohne Gefühle?

Die meisten Menschen, die ich beobachte, scheinen sich diese Frage nicht zu stellen. Sie sind ganz zufrieden, öfter auch unzufrieden, haben keine Zeit (beziehungsweise Lust) sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Sie haben Angst vor ihren Gefühlen. Vor der Botschaft, die sie enthalten. Doch das ist ihnen wahrscheinlich nicht klar. Vielleicht sind sie es eben auch einfach nicht gewöhnt.

Sie denken, das Leben ist so. Viel zu tun, kann man nichts dran ändern.

So wie ich selbst früher. Als ich noch in Paris lebte und mit meinen Freunden von einer Bar in die nächste zog. Immer etwas vorhatte.

War ich zu der Zeit glücklich?

Wenn man mein damaliges Facebook-Profil befragen würde, würde es laut ja schreien. Auf den Fotos lache ich, bin umgeben von Freunden, unternehme tolle Sachen wie nächtliche Radtouren mit fünfzig Leuten quer durch Paris oder Reisen nach Thailand und Kolumbien.

Wenn ich damals in mich hineinschaute, sah die Antwort allerdings anders aus. Da war vor allem Leere.

Oft hatte ich keine Lust hatte zu arbeiten und lungerte stattdessen stundenlang auf Facebook herum, sah ich mir meine Fotos an und fragte mich, warum ich mich denn nicht so glücklich fühlte, wie ich da aussah.

Heute weiß ich die Antwort

Ich nahm mir nie die Zeit für das Unangenehme. Ich wusste damals noch nicht, dass genau diese Gefühle es sind, die unser Lebensglück ausmachen.

Seit meiner Therapie und der zwei ersten einsamen Jahre auf Mallorca, habe ich gelernt, die Tränen und das Schluchzen langsam kommen zu lassen und weine, wenn mir danach ist. Immer öfter auch vor meinen Mitmenschen. In diesen Momenten sehe ich nicht glücklich aus, aber ich fühle mich wieder ganz. Von innerem Frieden erfüllt. Vor allem, wenn mein Umfeld mich einfach weinen lässt und nicht versucht, mich zu trösten.

Ich wünsche uns allen, dass wir lernen, ab und zu anzuhalten. Uns Zeit zu nehmen, die unangenehmen Gefühle kommen zu lassen. Die schöne Erfahrung zu machen, dass sie von ganz allein wieder gehen und in uns irgendwie aufgeräumt zu haben scheinen.

Sie sind ein Grundbestandteil für ein glückliches Leben, denn sie zeigen uns unseren eigenen Weg und heilen uns, wenn wir sie lassen.

Bist du mutig genug, ihnen zu begegnen?

Sei es dir wert.

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Wow Elisa,
    während des Lesens habe ich plötzlich einen Schauer über meinem Körper gefühlt. Es gibt manche Tage, an denen ich (grundlos) traurig bin und weinen möchte. Oft passiert es eher unvermittelt und plötzlich.

    Das letzte Mal einfach so beim Autofahren auf dem Weg zur Arbeit. Aber da Tränenschleier das Sichtfeld zu sehr einschränken habe ich mir meine Traurigkeit nicht gestattet und laut Musik eingeschaltet.

    Du hast so Recht. Irgendwie fühlt man sich besser, nachdem man sich einmal ausgeweint hat.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.

    Warme Grüße aus Deutschland

    Honigblume

    1. Liebe Honigblume,

      danke für deinen Kommentar! Es fühlt sich so schön an, zu erfahren, dass meine Texte in anderen Menschen etwas auslösen können.

      Warme Grüße zurück nach Deutschland!
      Elisa

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