Darf ich vorstellen? Zoe.

„Ich reise gern und bin auch gern zuhause im Alltag.“

Steckbrief

Alter: 11 Jare

Wohnort: Paris, Frankreich

Ursprünglich aus: Großbritannien

Zoé ist die Tochter meiner Freundin Anna. Anna ist Kanadierin. Zoes Vater ist Brite. Sie wohnt seit sechs Jahren in Frankreich und ist viel gereist. Sehr viel gereist. England, Spanien, Deutschland, Thailand, Indonesien …

Wir haben zusammen einen Tag an meinem Lieblingsstrand verbracht, als sie eine Woche mit ihrer Mutter auf Mallorca verbrachte.

Da ich (noch) absolut keine Ahnung habe, wie man ein gutes Interview führt, vor allem nicht mit Kindern und noch weniger mit Kindern, die erschreckend erwachsen sind, bin ich etwas nervös und weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll.

Ein befreundeter Journalist gab mir den Tipp, ein Frage-Antwort-Spiel zu vermeiden und ein natürliches Gespräch in Gang zu bringen.

Leichter gesagt als getan. Da mir nichts besseres einfällt, fange ich einfach an und stelle ihr eine Frage, die mir gerade so einfällt:

„Fühlst du dich eher kanadisch oder britsch?“

„Polnisch.“, schießt es aus ihr heraus, während sie mich vergnügt angrinst.

Ich weiß nicht, ob sie über mein verdutztes Gesicht lacht oder sich einfach freut, der Welt endlich ihre wahre Staatsangehörigkeit mitzuteilen.

Sie hat mich so aus dem Konzept gebracht, dass ich schon wieder nicht weiß, was ich sagen soll.

Also erzählt sie einfach weiter und verrät mir, dass sie einst ein polnisches Kindermädchen hatte, die ihr viele Sachen beigebracht hat und dass sie deshalb gern Polin wäre.

Ich bin endlich wieder Herr meiner Sinne und gebe zu, dass dies sehr logisch und verständlich klingt.

Wir lachen. Zoé berichtet, dass ihre Eltern häufig lachen müssen, da sie sogar einen polnischen Akzent bekommen hat, wenn sie mit ihnen Englisch spricht.

Ich frage sie: „Lebst du gern in Frankreich?.“

„Ja.“, sagt sie in einem neutralen Ton, als wäre das Land, in dem sie lebt, nicht so wichtig für sie.

„Vorher haben wir im Zentrum von Paris gewohnt. Da gefiel es mir sehr. Wir konnten überall zu Fuß hingehen und mussten nicht ständig mit dem Auto fahren. Mit meinem Vater haben wir oft Radtouren entlang der Seine gemacht. Das hat mir auch Spaß gemacht.

Jetzt leben wir auf dem Land und müssen jeden Tag viel mit dem Auto fahren und ich muss fünf Uhr aufstehen, um zur Schule zu fahren.“

„Gehst du gern zur Schule?“

„Ja. Ich mag die Schule in Frankreich. Eine Freundin aus England geht auf eine reine Mädchenschule. Das finde ich langweilig. Ich gehe auch lieber auf eine öffentliche Schule als auf eine Privatschule. Das ist viel interessanter, weil die Schüler vielseitiger sind.“

„Was ist dein Lieblingsfach?“

„Geschichte. Aber ich interessiere mich nicht für die Daten der bedeutenden Ereignisse. Mich interessiert es eher, wie das Alltagsleben der Menschen in anderen Epochen war.“

Ich bin von dieser Antwort total beeindruckt. Sie erscheint mir sehr weise und erwachsen, vor allem für ein elfjähriges Mädchen.

„Ich lese auch sehr gern.“, erzählt Zoé.

„Außer die Bücher für die Schule manchmal. Ich muss gerade ein französisches Buch für die Schule lesen, obwohl ich lieber eines meiner Bücher weiterlesen würde, die ich mit in den Urlaub genommen habe. Ich muss jetzt endlich mal damit anfangen.

Die Geschichte klingt eigentlich ganz gut, aber der Schreibstil ist furchtbar und langweilt mich … aber naja. Ich werde es trotzdem zu Ende lesen.“

Da ich selbst auch eine begeisterte Leseratte bin, sage ich ihr, dass ich eines Tages ein Kind wie sie haben möchte, das meine Leidenschaft für Bücher teilt. „Ich habe Angst, dass meine zukünftigen Kinder den ganzen Tag vor der Videospielkonsole hängen.“, gestehe ich ihr.

„Ach Quatsch.“, versucht sich mich zu beruhigen, „Du brauchst doch keine Angst zu haben. Du kannst ihnen doch verbieten, Videospiele zu spielen.“

„Aber ich möchte nicht, dass sie sich in der Schule ausgeschlossen fühlen, wo doch heute alle nur noch über Videospiele reden und mit dem Smartphone rumspielen.“

„Ich mag keine Handys und keine Videospiele und fühle mich in der Schule überhaupt nicht ausgeschlossen. Du wirst sehen. Das wird schon.“

Ich bin ganz gerührt darüber, wie sie es schafft, mich zu verstehen und mich beruhigt, indem sie mir beweist, dass es auch für Kinder und Jugendliche (ich weiß nicht, wo ich sie einordnen soll) möglich ist, ohne technologische Gadgets zu leben.

Da Zoé so viel reist, frage ich sie auch noch, ob sie lieber auf Reisen oder zuhause im Alltag ist.

„Beides. Ich reise gern, da ich im Urlaub immer so viel Zeit mit meinen Eltern verbringe. Gleichzeitig bin ich aber auch gern zuhause und im Alltag, da ich da meine Freunde sehe und zuhause kochen kann.“

„Du kannst schon kochen?“, platzt es erstaunt aus mir heraus.

„Ja. Ich liebe es zu kochen. Ich habe sogar einen Blog, auf dem ich Rezepte veröffentliche. Ich liebe es, Essen zuzubereiten und neue Rezepte auszuprobieren.“

Sie überrascht mich unentwegt, diese kleine Zoé mit dem Antlitz eines Engels, der von sich selbst behauptet ein kleiner Satansbraten zu sein. Ich habe Schwierigkeiten, ihr das zu glauben …

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